Die Europäische Zentralbank betreibt die Abschaffung des 500-Euro-Scheins. © ZDF und Sven Kiesche, Michael Wech documentaries
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Die Europäische Zentralbank betreibt die Abschaffung des 500-Euro-Scheins.
Bye-bye Bargeld
Der Geist der Abschaffung
Der totale bargeldlose Zahlungsverkehr rückt näher. Der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff erklärt gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro, warum er die weitgehende Bargeld-Abschaffung für eine gute Sache hält.
Asarum, Mittelschweden. Pastorin Karin Emblad hat sich für einen radikalen Schritt entschieden: Der Klingelbeutel wird abgeschafft. Sie will in der Kirche nicht länger mit Bargeld hantieren. Stattdessen sollen die Gemeindemitglieder ihre Spenden in Zukunft per Smartphone entrichten. Die wenigsten hier scheint das zu überraschen.

Eine gesellschaftliche Entwicklung hat die Pastorin zu diesem Schritt bewogen: In kaum einem anderen Land der Welt wird so selten Bargeld genutzt wie in Schweden. Die Folge: Zuletzt war immer weniger Geld im Klingelbeutel. "In der Zukunft wird das Bargeld verschwinden", ist sich Emblad sicher. "Wir werden elektronisch bezahlen."

Könnte sie recht haben?

Eine Glaubensfrage
Nicht nur eine beschauliche Gemeinde in Schweden verbannt das Bargeld aus der Kirche. Im fernen Harvard sitzt so etwas wie der spiritus rector der Bargeldabschaffung und formuliert für diese Idee das intellektuelle Fundament. Kenneth Rogoff ist ein weltbekannter Ökonom. Er promovierte am benachbarten Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist Schachgroßmeister und brachte es, wie mehrere seiner Kommilitonen, zum Chefvolkswirt des IWF. Seit einigen Jahren gilt seine Aufmerksamkeit dem Bargeld. Genauer: seiner weitgehenden Abschaffung.

Ausgangspunkt in Rogoffs Überlegungen ist ein Paradox. Statistisch gesehen müsste jeder Amerikaner etwa 6000 Dollar Bargeld haben, das meiste davon in 100-Dollar-Scheinen. Doch "nur jeder Zwanzigste hat in den letzten 12 Monaten einen 100-Dollar-Schein benutzt", sagt Rogoff. "Für den Rest gibt es keine Erklärung. Das meiste Bargeld sitzt an irgendwelchen Orten, von denen die Zentralbanken keine Ahnung haben."

<b>Strafzins für Sparer: </b>Ohne Bargeld wären negative Zinsen als Konjunkturstimulus leicht durchzusetzen.
Strafzins für Sparer: Ohne Bargeld wären negative Zinsen als Konjunkturstimulus leicht durchzusetzen.
<b>500-Euro-Schein:</b> Den Bekämpfern organisierter Kriminalität ist er schon lange ein Dorn im Auge.
500-Euro-Schein: Den Bekämpfern organisierter Kriminalität ist er schon lange ein Dorn im Auge.
<b>Zahlungsarten:</b> Der Trend geht zu bargeldlosem Bezahlen. Im Einzelhandel läuft schon fast jeder zweite Kauf per Karte. Zahlungsarten: Der Trend geht zu bargeldlosem Bezahlen. Im Einzelhandel läuft schon fast jeder zweite Kauf per Karte.

Die Spur des Geldes
Das wirft die Frage auf: Wo steckt das Geld? Rogoffs Vermutung: bei Kriminellen, Terroristen, Drogenhändlern. Er verweist darauf, dass bei der Verhaftung des mexikanischen Drogenbosses Joaquín Guzmán, genannt El Chapo, 200 Mio. Dollar in 50- und 100-Dollar-Noten gefunden worden seien. Ein Haus voll Geld.

In Deutschland wird die Schattenwirtschaft auf 360 Mrd. Euro geschätzt, 12% der Wirtschaftsleistung. Geschäfte, die ganz überwiegend in bar abgewickelt werden. Friedrich Schneider von der Universität Linz äußert gegenüber makro aufgrund von Modellrechnungen die Vermutung, dass ohne Bargeld dieser Betrag um ein Drittel fiele.

5 Mio. Euro kann man in einer 45 cm Tresorkasette voller 500-Euro-Scheine bunkern. Immer wieder gerät daher der größte Euro-Schein in die Schlagzeilen. Banken und Wechselstuben in England haben ihn konsequenterweise komplett aus dem Sortiment genommen.

Die große Maschine
Aber Kenneth Rogoff geht es nicht um den Kampf gegen Kriminelle. Es geht um die Steuerung der Wirtschaft. Rogoff ist Vertreter jener Generation von MIT-Spitzenökonomen, die ein beherztes Eingreifen von Politik und Notenbanken in die Wirtschaft befürworten und in der internationalen ökonomischen Diskussion gegenwärtig die Oberhand haben. Bildlich gesprochen: Betrachtet man die Wirtschaft als große Maschine, so sehen sich diese Ökonomen als Mechaniker und Ingenieure, die anfangen zu schrauben und zu reparieren, wenn die Maschine nicht mehr richtig läuft.

Und seit der Finanzkrise läuft die große Maschine nicht mehr richtig. Eine Welt ohne Bargeld böte Regierungen und Zentralbanken nun völlig neue Möglichkeiten, die lahmende Konjunktur anzukurbeln, sagt Rogoff. Zum Beispiel mit negativen Zinsen. "Die EZB druckt Geld, damit die Leute es ausgeben, damit Preise und Nachfrage steigen", erklärt er. "Aber es passiert nichts damit. Das Geld liegt in der Bank."

Die Idee vom Negativzins
Rogoff verweist auf interne Studien der amerikanischen Notenbank, die in der Krise einen Zinssatz von minus 5% für angemessen hielt, sowie der EZB, die sich minus 2-3% vorstellen konnte. Nur: Mit Bargeld funktioniert das nicht. Die Leute würden ihre Konten plündern und das Geld in bar horten. Ohne Bargeld jedoch könnten Notenbanken die Leute qua De-facto-Enteignung durch Negativzinsen zwingen, Dinge zu kaufen, die sie freiwillig nicht kaufen würden. Kenneth Rogoff und andere Vertreter seiner Denkschule wollen durch diesen Konsum- und Investitionsschub die große Maschine wieder ans Laufen kriegen.

EZB-Chef Mario Draghi, der vier Jahre vor Rogoff ebenfalls am MIT seinen Doktor machte und dessen ökonomische Vorstellung von denselben Lehrern geformt wurde, hat der EZB unterstellte Pläne, das Bargeld abschaffen zu wollen, zurückgewiesen.

Der 500-Euro-Schein muss trotzdem dran glauben.

Sendedaten
makro
Bye-bye Bargeld
Freitag, 26. Mai 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Michael Wech
(Erstausstrahlung)
Bargeld-Abschaffung
© ZDF und Jean Schablin - KobaltFluch oder Segen?
Nur Bares ist Wahres - Dieser Satz wird wohl bald der Geschichte angehören. Immer mehr Banken und Unternehmen sprechen sich für eine Abschaffung des Bargeldes aus, mit dem Verweis auf ein Thema: Sicherheit.
Kenneth Rogoff
LupeRogoff war am Massachusetts Institute of Technology u.a. ein Schüler von Rüdiger Dornbusch, Stanley Fischer (heute Stellvertreter von Janet Yellen bei der amerikanischen Notenbank) und des Nobelpreisträgers Robert Solow. Die keynesianisch geprägte Denkschule der amerikanischen Ostküste sah sich als Gegenpol zur Universität in Chicago und favorisiert eine aktivistische Rolle von Politik und Notenbanken in der Wirtschaft.

Im Unterschied zu vielen Keynesianern betrachtet Rogoff die wachsende Verschuldung von Staaten mit großer Sorge. Diese Sorge formulierte er in der Studie 'Growth in a Time of Debt', deren Kernaussage er zusammen mit Carmen Reinhart in dem vielbeachteten Buch 'This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly' einem großen Publikum präsentierte und damit eine heftige Debatte auslöste: Ab einer Verschuldung von 90% des BIP sinke das Wirtschaftswachstum deutlich.

Wie sich herausstellte, enthielten die Berechnungen einige simple, aber entscheidende Fehler, die Rogoff weltweit Hohn und Spott einbrachten. Für einen Akademiker seiner Statur ist dies der GAU. Rogoff hat schwer unter der Situation gelitten und sich zeitweise weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Das MIT
Die Wochenzeitung DIE ZEIT betitelte das Massachusetts Institute of Technology kürzlich als mächtigste Schule der Welt, da seine Absolventen aus den 70er Jahren heute in Spitzenpositionen von Zentralbanken, IWF und Wissenschaft den wirtschaftspolitischen Diskurs bestimmen.
Thema
War on Cash
Was früher undenkbar schien, nimmt Gestalt an: Bargeld hat viele Feinde. Und es werden mehr. Staat, Zentralbanker, Sicherheitsdienste - der finanziell gläserne Bürger ist eine große Verlockung.
(makro, 10.06.2016)
Wirtschaftsdokumentationen
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