Von wegen Steuern sparen: Heiraten aus wirtschaftlichen Gründen benachteiligt meist Frauen. © ZDF - Peter Petrides
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Von wegen Steuern sparen: Heiraten aus wirtschaftlichen Gründen benachteiligt meist Frauen.
Ehe-Bonus vor dem Aus?
Umstrittenes Ehegattensplitting
Das Ehegattensplitting steht auf dem Prüfstand. Deutschland hält im Steuerrecht noch immer an Rollenbildern der 50er Jahre fest. Sollen Hausfrauenehe und Gutverdiener tatsächlich weiterhin bevorzugt gefördert werden?
Wer weiß schon, was das Ehegattensplitting ist und wie es funktioniert? Dabei bestimmt diese Steuervergünstigung aus den 1950er Jahren bis heute das Leben vieler Männer und Frauen - und damit unsere Rollenbilder. Denn das Splitting fördert die Hausfrauenehe, vor allem, wenn ein Partner - meist der Mann - gut verdient.

Offiziell werden in Deutschland Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt. Doch im Steuerrecht herrscht nach wie vor "die besondere Anerkennung der Aufgabe der Ehefrau als Hausfrau und Mutter".

Rollenbilder der 50er Jahre
"Mit dem Ehegattensplitting fördert der Staat die Hausfrauenehe", sagt Stefan Bach, Experte für Finanz- und Steuerpolitik am DIW. "In Zeiten, wo das die gesellschaftliche Norm war, war das ok, heute ist das nicht mehr der Fall." Scheitert die Ehe, dann führt dieses Steuersparmodell die meisten Frauen direkt in die Altersarmut, weil sie dann häufig ohne Erwerbstätigkeit und ohne Altersversorgung dastehen.

Bis heute wirken die Rollenbilder der 50er Jahre nach, obwohl die meisten Menschen längst anders denken. Viele Paare wollen sich Arbeit und Kinderbetreuung teilen, die Hausfrauenehe empfinden die meisten als unzeitgemäß, das Splitting bringt ihnen kaum Vorteile.

Überflüssig, kontraproduktiv, ungerecht
Constanze und Marc Walcher haben bis vor kurzem beide gearbeitet. Sie verdiente in der internationalen Modebranche sogar mehr als ihr Mann. Jetzt versorgt sie die Kinder, ist damit "total glücklich" und hat es sich auch so gewünscht. Nach ihrer Kinderphase möchte sie jedoch auf jeden Fall wieder arbeiten, als Selbstständige. "Die Idee des Ehegattensplittings ist sehr antiquiert", sagt sagt sie - und für die Karriere findet sie es eher hinderlich, da es Frauen vom Beruf fernhält.

Und was passiert, wenn eine Ehe scheitert? Sandra Becker heiratete ihren langjährigen Lebensgefährten und wurde schwanger. Ihr Mann machte sich aus dem Staub, zahlt auch keinen Unterhalt. Als selbständige Künstlerin, Designerin und Dozentin hatte sie keinen Mutterschutz und musste durcharbeiten. Jahrelang kam sie als Alleinerziehende kaum über die Runden.

<b>"Riesige Steuervorteile"</b><br />Stefan Bach vom DIW sagt, die Idee des Familiensplittings sei zwar sehr populär, weil es kinderreiche Familien fördert, brächte die höchste Entlastung aber ausgerechnet für Top-Gehälter.
"Riesige Steuervorteile"
Stefan Bach vom DIW sagt, die Idee des Familiensplittings sei zwar sehr populär, weil es kinderreiche Familien fördert, brächte die höchste Entlastung aber ausgerechnet für Top-Gehälter.
<b>"Vergiftetes Geschenk"</b><br />Die Juristin Maria Wersig sagt, die vordergründigen Steuervorteile des Ehegattensplittings rächen sich sofort, wenn die Ehe scheitert. Und zwar besonders für die Frau. © ZDF - Peter Petrides
"Vergiftetes Geschenk"
Die Juristin Maria Wersig sagt, die vordergründigen Steuervorteile des Ehegattensplittings rächen sich sofort, wenn die Ehe scheitert. Und zwar besonders für die Frau.
<b>"Überkommenes Relikt"</b><br />Margit Schratzenstaller vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut sagt, die Einführung der Individualbesteuerung habe die Erwerbsquote von Frauen in Österreich klar erhöht. © ZDF - Peter Petrides
"Überkommenes Relikt"
Margit Schratzenstaller vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut sagt, die Einführung der Individualbesteuerung habe die Erwerbsquote von Frauen in Österreich klar erhöht.

Heute ist ihr Sohn 14 Jahre alt und sie selbst beruflich erfolgreich. Als ungerecht empfindet sie, dass sie vorher ohne Kind einen Steuervorteil hatte, und jetzt mit Kind relativ viel von ihrem Einkommen ans Finanzamt geht. "Das finde ich nicht in Ordnung." Und sie hat keinerlei Absicherung: "Ich bin nicht in der Lage, eine Rente aufzubauen, und nicht in der Lage, Geld zurückzulegen, um meinem Sohn eine Ausbildung zu ermöglichen."

Mehr Geld für Kinder!
Eine erfolgreiche Reform, sagen Experten wie die Juristin Maria Wersig, die ihre Doktorarbeit über das Ehegattensplitting verfasste, oder Stefan Bach vom DIW, müsste das Existenzminimum des Ehepartners steuerfrei belassen - und es bräuchte Übergangsfristen, ähnlich wie bei der Rentenreform.

Die 21 Milliarden Euro, die der Staat derzeit für das Splitting ausgibt, werden für eine bessere Kinderbetreuung dringend benötigt. Denn bereits ein Fünftel der Kinder wächst heute bei Alleinerziehenden auf. Nur so kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für alle Frauen und Männer gelingen.

Schlusslicht im internationalen Vergleich
Die meisten anderen Länder sind hier schon weiter und in den letzten 15 Jahren an Deutschland vorbeigezogen. In Österreich, wo bereits seit den 1970er Jahren die Individualbesteuerung eingeführt wurde, ist "jedes Kind gleich viel wert", und die Frauen-Beschäftigungsquote zählt zu den höchsten in Europa.

Neben Österreich haben auch die meisten anderen europäischen Länder die Individualbesteuerung eingeführt, das heißt: Jeder zahlt seine Steuern selbst. Deutschland gehört zu den letzten Ländern, die Ehepaare noch gemeinsam veranlagen - neben Frankreich, Irland und Luxemburg.

Nach 60 Jahren bleibt die spannende Frage: Wie lange wird sich der Ehe-Bonus noch halten?

Sendedaten
makro
Ehe-Bonus vor dem Aus?
Freitag, 10. März 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Film von Sabine Jainski und Ilona Kalmbach.
(Erstausstrahlung)
Ehegattensplitting
So funktioniert's
Man rechnet die Einkommen der Ehepartner zusammen und teilt sie dann durch zwei. Der größte Vorteil entsteht also, wenn ein Partner - meist die Frau - gar nicht arbeitet.
Verdient der Ehemann beispielsweise 100.000 Euro müsste er darauf eigentlich 33% Steuern zahlen. Dank Splitting darf er seiner Frau aber die Hälfte hinüberreichen. Dadurch sinkt die Steuerlast auf 25% Prozent. Er spart über 8.000 Euro - ganz gleich, ob das Paar Kinder hat oder nicht.
Ehe-Wirklichkeit
Wer verdient was?
Heutzutage lebt noch etwa ein Viertel der deutschen Ehepaare die traditionelle Alleinverdienerehe. Die meisten, etwa 51%, leben das Modell von Hauptverdiener und Zuverdienerin. Meist sind es die Männer, die mehr verdienen, nämlich bei gut zwei Drittel aller Paare. In nur 10% der Ehen verdienen beide Partner gleich.
Themenwoche
Zukunft ist weiblich
Wie leben Frauen heute? Wie wird Emanzipation gelebt? In der Themenwoche "Zukunft ist weiblich" geht es in rund 20 Beiträgen um Frauenpower weltweit.
Wirtschaftsdokumentationen
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