Sterben kostet - und immer mehr wollen dafür weniger zahlen. © dpa
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Sterben kostet - und immer mehr wollen dafür weniger zahlen.
Ruhe sanft - und günstig
Überlebenskampf der Bestattungsbranche
Das Bestattungsgeschäft ist krisenfest, so hieß es lange. Gestorben werde schließlich immer. Doch längst leiden Bestatter, Steinmetze, Sargbauer und sogar Friedhöfe an zu wenigen Aufträgen.
Ein Abschied für immer und das letzte große Fest auf Erden - stilvoll und würdig, lieb und teuer: So ist es Tradition seit Jahrhunderten. Doch die klassische Bestattung ist nur noch ein Angebot unter vielen, immer seltener wird sie nachgefragt.

Es gibt eine neue Trauerkultur, längst ist der Friedhof nicht mehr der zentrale Trauerort für alle. Immer mehr Angehörige wollen schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, Gräber sollen nicht viel Arbeit machen und das Ganze möglichst wenig kosten. 7000 Euro sind normalerweise durchaus üblich, etwas günstiger sind Feuerbestattungen. Seitdem das Sterbegeld 2004 gestrichen wurde, müssen die Erben alleine dafür aufkommen - die Kundschaft ist kostenbewusster geworden.

Marktlücke Discount-Bestatter
Kein Wunder also, dass auch in der Bestattungsbranche Discount-Angebote ihre Zielgruppe finden. Nicht pietätvoll, sondern Abzocke und oft scheinheilig seien die klassischen teuren Angebote, so die Meinung vieler Billiganbieter.

"Wenn uns erzählt wird, jeder hat das Anrecht, allein in einem Bestattungsfahrzeug gefahren zu werden: Das ist eine Illusion. Ich kenne Autos hier in Berlin, da stehen die kreuz und quer wie die Bananenkisten, damit sie sich nicht verschieben", sagt Hartmut Woite, der mit Discount-Preisen die Berliner Bestatterszene aufmischt. Er habe es nicht glauben wollen, dass seine renommierten Kollegen so durch die Gegend fahren, habe es aber mit eigenen Augen gesehen. Viel zu oft werde Trauernden zudem Unnötiges aufgeschwatzt.

Lange galt Wettbewerb unter den Bestattern als unmoralisch, mittlerweile tobt in Berlin ein erbitterter Kampf um Verstorbene. Das führt angeblich so weit, dass Provisionen an Mitarbeiter in Altenheimen, Pflegeheimen oder Kliniken gezahlt werden, die dann Angehörigen einen ganz bestimmten Bestatter empfehlen.

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Neue Vielfalt
Nicht immer ist Sparsamkeit der Grund für die Nachfrage der preiswerten Bestatter - "schlicht und bescheiden" zu beerdigen ist längst auch eine Frage des Stils. Die Abkehr von klassischen Beerdigungen hat außerdem zu großer Vielfalt geführt, die Bestattungswelt ist bunt geworden: Beisetzung in der freien Natur, Verstorbenen-Asche aus dem Heißluftballon streuen oder zu einem Diamantring pressen, Fanmeilen für Verstorbene, Friedhofsfelder in Spielfeldform oder Vereinsfarben - auch wenn vieles bislang nur übers Ausland geht.

Ein Vertreter der neuen Vielfalt ist Bestatter David Roth. Er betreibt einen Friedhof in Köln. Roth findet, alles, was der individuellen Trauerbewältigung nutze, müsse erlaubt sein: "Das Schlimme an Pietät ist halt, dass mir immer andere sagen, wie ich mich mit meinem geliebten Verstorbenen, mit meiner Mutter, meinem Vater, meiner Partnerin oder meinem Kind zu verhalten habe - statt des Zutrauens, dass ich am besten selbst weiß, warum ich sie liebe und wie ich diese Liebe ausdrücke. Und das finden wir eben unglaublich anmaßend."

Bei David Roth können die Trauernden in einer Art Wohnzimmer am offenen Sarg Abschied nehmen, wenn nötig wochenlang. Er veranstaltet Lesungen, Konzerte oder Kochkurse für Angehörige. Mit Trauerbegleitung will er eine Marktlücke schließen, den Trauernden die Gemeinschaft bieten, die früher meist im Haus des Verstorbenen entstand, wenn Nachbarn, Freunde und der Pfarrer vorbeikamen.

Friedhöfe bleiben auf Kosten sitzen
Viele Friedhöfe haben mit sinkenden Gebühreneinnahmen zu kämpfen, es ist daher zu einer Überlebensfrage geworden, auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse einzugehen: Baumgräber, Anlagen nur für Frauen oder Schwule und vor allem pflegeleichte Lösungen werden angeboten. Denn Friedhöfe bleiben bei Gräbern, um die sich niemand mehr sorgt, immer öfter auf den Pflegekosten sitzen. Viele Särge und Urnen liegen mittlerweile unter Gemeinschaftsflächen, die vom Friedhofspersonal gemäht und mit Blumen bestückt werden.

Rund 925.000 Menschen starben 2015 in Deutschland. Doch ein sicheres Geschäft ist der Tod schon lange nicht mehr. Eine ganze Branche - Friedhöfe, Bestatter, Handwerker - ist herausgefordert, mit dem gesellschaftlichen Wandel Schritt zu halten.

Sendedaten
makro
Ruhe sanft - und günstig
Freitag, 18.11.2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Ralf Bonsels
(Erstausstrahlung)
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Ruhe sanft!
Sterben hat immer Konjunktur. Deshalb scheint die Bestattungsbranche kaum krisenanfällig zu sein. Doch das Geschäft mit dem Tod hat oft einen faden Beigeschmack.
(makro, 22.11.2013)
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