Auszubildende bei der Arbeit in Marokkos Luftfahrtindustrie. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
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Auszubildende bei der Arbeit in Marokkos Luftfahrtindustrie.
Marokko - Die große Chance
Der leise Motor Nordafrikas
Viele Marokkaner zieht es nach Europa. Der Grund ist einfach: keine Perspektive im Land. Und doch scheint sich etwas zu bewegen. Reporterin Katrin Sandmann war für das Wirtschaftsmagazin makro vor Ort.
Sie warten noch auf ihre große Chance: Eine Gruppe junger Marokkaner am Strand in der Nähe von Tanger. Einige von ihnen wollen nach Europa gehen. Andere wollen bleiben. Aber eine Sorge verbindet fast alle jungen Marokkaner: Es gibt hier einfach zu wenig gute Jobs.

Das Durchschnittsalter in Marokko liegt bei 28 Jahren - die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 20 Prozent. Wenn die Jugend die Zukunft eines Landes bestimmt, dann hat das Königreich ein Problem. Und es wundert nicht, dass diese Jugend in wahren Heerscharen ihre Heimat verlässt. 3,5 Millionen Marokkaner leben im Ausland - das sind 10 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Freihandelszone von Casablanca
Aber Marokko, auch das wird mir hier schnell klar, stellt sich zunehmend seinen Problemen. Die Regierung schiebt Projekte an, der verheerenden Jugendarbeitslosigkeit Herr zu werden, und auch der Oppositionspolitiker Omar Balafrej sieht eine realistische Chance, dass Marokko sich verändern kann.

So schlecht sind die Voraussetzungen nicht. Marokko gilt als das stabilste Land Nordafrikas und liegt direkt vor den Toren Europas. Zwei Faktoren, die das Königreich geschickt einsetzt, um sich zum Konjunktur-Motor Nordafrikas zu entwickeln.

Aref Hassani spielt auf dem Weg dahin eine wichtige Rolle. Er ist der Direktor des "Midpark", einer riesigen Freihandelszone in der Nähe des Flughafens von Casablanca. Seit Mitte 2000, erzählt er mir, lockt Marokko die internationale Luftfahrtindustrie hierher: "Am Anfang in den frühen 2000er-Jahren gab es zwei, drei Unternehmen in diesem Bereich, heute sind es schon 115."

Blick auf die Promenade von Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
Stadtansicht von Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
In den Straßen von Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
Passanten auf der Promenade von Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt

Hightech-Zentrum
Cetim ist eine der Firmen, die sich am Flughafen angesiedelt haben. Das französische Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Belastungstests für Materialien durchzuführen, die Airbus in seinen Motoren verwendet. Cetim mag französisch sein, alle Mitarbeiter hier sind jedoch Marokkaner.

Im internationalen Vergleich sei Marokko allein schon unter Kostengesichtspunkten sehr konkurrenzfähig, begründet Salah Darkaoui, Produktionschef von Cetim, die Vorteile des Standorts Marokko. "Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass wir wenigstens 20 Prozent günstiger produzieren als der internationale Markt."

Das klingt gut. Nur gibt es da ein Problem: Die Analphabetenquote liegt bei 30 Prozent, auf dem Land und bei Frauen ist sie noch höher. Das marokkanische Bildungssystem hat einen dramatisch schlechten Ruf, was mir alle hier freimütig bestätigen.

Berufsschule in der Bildungswüste
Eine Berufsschule für die Luftfahrtindustrie soll hier Abhilfe schaffen. IMA heißt sie und liegt gleich nebenan. Marokko braucht gut ausgebildete Spezialisten und zwar auf allen Ebenen - vom Mechaniker bis zum Ingenieur.

Der Franzose Patrick Ménager leitet das Institut und lädt mich zum Rundgang ein. "Alle paar Wochen organisieren wir Aufnahmeprüfungen, um geeignete Auszubildende zu finden", sagt er. Erwartet werden Grundkenntnisse in Mathematik, Logik und Französisch. "Dann laden wir die Besten zu Vorstellungsgesprächen ein."

Passanten und ein Händler auf der Promenade von Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
Sonnenuntergang in Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
Im Hintergrund entsteht "Tanger Med", der riesige Containerhafen in geostrategischer Bestlage. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt
Postkartenidylle: Weiße Häuser in Tanger. © ZDF und Jean Schablin - Kobalt

Aussicht auf Festanstellung
700 Schüler bildet IMA im Jahr aus. Zwischen sechs Wochen und elf Monaten dauert die Ausbildung hier. Der Clou: Anschließend ist eine Festanstellung so gut wie garantiert. Den Lehrplan geben die Firmen vor und es wird nach ihrem Bedarf ausgebildet. Intissar ist eine von denen, die hier ihre Chance ergreifen. Eigentlich ist sie ausgebildete Grafikerin. Aber sie fand keinen Job.

"Diese Industrie ist hier in Marokko noch in den Kinderschuhen", erzählt sie mir. "Es geht um Technologie und Fortschritt. Wir wissen, dass unsere Gehälter am Anfang noch niedrig sein werden. Aber wenn Du dich weiterentwickelst, wirst Du auch die Möglichkeit haben, mehr zu verdienen."

Der Bedarf der Industrie nach Arbeitskräften wächst so stark, dass die Schule gar nicht schnell genug ausbilden kann. Im kommenden Jahr will IMA seine Ausbildungskapazitäten deshalb verdoppeln.

Grundstein für die Zukunft
Mehr als 20.000 neue Jobs sollen - laut Industrieministerium - in den kommenden Jahren in der Luftfahrtindustrie geschaffen werden. Das löst zwar nicht das Problem der Jugendarbeitslosigkeit, meint Aref Hassan, der Direktor der Freihandelszone. Aber es legt einen Grundstein für die Zukunft des Standortes Marokko.

Die Auswirkungen dieser neu geschaffenen Industrie und ihrer Arbeitsplätze lassen sich schon jetzt beobachten. Überall um die neuen Fabriken, wachsen Wohnviertel aus der Wüste - für eine neue Mittelklasse. Auch Abdelkadr, Azubi an der Berufsschule IMA, wohnt hier. Er ist sich sicher: Was jetzt beginnt, ist ihre große Chance.

"Der Firmenboss", erzählt Abdelkadr, "kam direkt am Anfang und hat uns gesagt: 'Ihr fangt erst einmal in der Produktion an. Und wenn Ihr Erfahrung gesammelt habt, dann könnt ihr ein weiteres Examen ablegen, euch weiter qualifizieren und aufsteigen, etwa die Qualitätskontrolle.' Es gibt also Aufstiegschancen innerhalb der Firma."

Keiner hier will das Land verlassen.

Sendedaten
makro
Marokko - Die große Chance
Freitag, 21. Oktober 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Katrin Sandmann
(Erstausstrahlung)
Info
© ZDF und Jean Schablin - KobaltLupeDie Journalistin Katrin Sandmann, hier zusammen mit Mehdi Tazi Riffi aus der Direktion des Großprojektes "Tanger Med", berichtet seit über 15 Jahren von verschiedenen Schauplätzen dieser Welt. Auch für makro hat sie schon eine Reihe von Ländern bereist - u.a. Somalia, Libanon, Pakistan, Saudi-Arabien und Iran.
Investitionen in Afrika
Was ausländische Unternehmen nach Afrika lockt
In Afrika fehlt es an Investitionen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im letzten Jahr haben ausländische Firmen 54 Milliarden Dollar locker gemacht. Zum Vergleich: Nach Asien gingen im gleichen Zeitraum 465 Milliarden.
(makro, 25.09.2015)
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