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Brasilien in Not
Wassermangel am Amazonas
Brasilien leidet an der schlimmsten Wasserkrise seiner Geschichte. Ja, es hat in den letzten Jahren zu wenig geregnet. Aber der Kern des Problems liegt woanders. makro macht sich auf die Suche nach den Ursachen.
Das größte Land Südamerikas steht kurz vor dem Wasserkollaps. Betroffen sind 100 Millionen Menschen, nicht nur in den Dürregebieten im Nordosten sondern auch in den Megastädten Rio de Janeiro und São Paulo. Die Trinkwasserspeicher in den Bundesstaaten waren zeitweise so gut wie leer, ganze Regionen im Nordosten drohen zu verwüsten.

Die Situation ist brisant. Zwar warnen Wissenschaftler schon seit Jahren, dass Wasser weltweit immer knapper wird. Doch wenn eines der wasserreichsten Länder der Welt austrocknet, steht das exemplarisch für ein Problem, das uns alle betrifft.

Verschiedene Studien kommen zu der Einschätzung, dass in Zukunft immer mehr Megastädte von Wassermangel betroffen sein werden. Wie kann es sein, dass einem der wasserreichsten Länder der Welt das Wasser ausgeht? Globaler Klimawandel? Umweltzerstörung? Versagen der Politik?

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Abgeholzt und verbrannt
Unsere Suche nach den Ursachen führt uns direkt in die gewaltigen Regenwälder von Brasilien. Der Wald sieht satt und gesund aus, bis wir auf einer gerodeten Stelle ankommen, an der der Klimaexperte Antonio Donato Nobre vom Nationalen Institut für Amazonasfragen wartet. Er forscht seit mehr als 30 Jahren über den Amazonas und hat an einer Studie zum Thema Amazonasklima mitgewirkt.

Anders als die Regierung sieht Nobre einen Zusammenhang zwischen den ausbleibenden Regenfällen im Südosten des Landes und der Abholzung des Regenwalds im Amazonas. Fast 90 Prozent der Wälder an der Ostküste seien bereits abgeholzt worden, um Platz für Sojaanbau und Rinderherden zu schaffen, sagt Nobre. Die Abholzung der Regenwälder würde sich ganz unmittelbar auf das Klima - und auf das vorhandene Wasser - auswirken.

Politik gibt den unschuldig Ahnungslosen
Trotz wissenschaftlicher Beweise für Nobres Thesen stellen viele brasilianische Politiker wie Geraldo Alckim, der Gouverneur São Paulos, infrage, ob es wirklich eine Verbindung gibt zwischen den weit entfernten Wäldern und den leeren Wasserspeichern in den Städten. Das hat Gründe: Die Landwirtschaft ist Hauptdevisenbringer des Schwellenlandes. Über 70 Prozent des in Brasilien vorhandenen Wassers versickert in der Landwirtschaft.

Mit den letzten Wasserreserven verschwindet auch das Vertrauen vieler Brasilianer in die Politik. Seit 2010 warnen Experten bereits vor einer bevorstehenden Dürre. Und die gewählten Volksvertreter? Schlug alle Warnungen in den Wind. Jetzt mehren sich die Proteste. In São Paulo ist die Stimmung angespannt. Präsidentin Dilma Rousseff kämpft gegen ein Amtsenthebungsverfahren.

Das Problem hat Zukunft
makro begibt sich auf Spurensuche und reist von São Paulo in die Wüstenregion im Nordosten des riesigen Landes, in die Hauptstadt Brasilia und in die zerstörten Ökosysteme am Amazonas. Wir haben dort mit Umweltschützern, Agrarindustriellen, Politikern und immer wieder mit den betroffenen Menschen gesprochen.

Die ernüchternde Erkenntnis: Brasiliens Wasser wird trotz Krise weiterhin verschwendet - vor allem für den Export von Soja, Fleisch und Früchten.

Sendedaten
makro
Brasilien in Not
Freitag, 5. Juli 2016, 21.00 Uhr

Ein Film von Antonio Cascais
(Erstausstrahlung: 04.03.2016)
Wasserspeicher Cantareira
Der größte Trinkwasserspeicher Brasiliens ist Cantareira im Nordosten São Paulos. Als er 1881 angelegt wurde, versorgte es noch 30.000 Menschen, heute muss es für 8,8 Mio. Einwohner der Region São Paulo reichen. Anfang 2015 verschreckte die Meldung, dass Cantareira nur noch zu 16% mit Wasser gefüllt sei.

In den letzten Jahren hat es zu wenig geregnet. Das Reservoir wurde jahrelang über seine Kapazitäten ausgepumpt. Und auch andere Wasserspeicher wie die Flüsse Tietê und Pinheiros geben nichts mehr her. Mittlerweile hat sich die Lage dank reichlicher Regenfälle wieder etwas entspannt.
Interview
Volle Kraft zurück
Neuer Präsident, alte Probleme - Brasiliens schwerste Krise seit Jahrzehnten dauert an. Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit dem Lateinamerikakenner Wolfgang Muno. Er sagt, die neue Regierung sei mehr mit sich selbst als mit Regieren beschäftigt.
Brasiliens Wirtschaft
Brasilien rutscht immer tiefer in eine schwere Stagflation - ohne Aussichten auf baldige Besserung. Die Inflation liegt im hohen einstelligen Bereich, die Arbeitslosigkeit steigt und Brasiliens Wirtschaft wird bis 2017 um acht Prozent schrumpfen, fürchtet Nilson Teixeira, der Chefökonom von Credit Suisse. "Es ist die schwerste und längste Rezession in mehr als einem Jahrhundert."

Teixeira prognostiziert, dass Brasiliens Wirtschaft bis 2018 wieder dort stehen wird, wo sie sich 2003 befunden hatte - vor der Boomphase, die Brasilien in die Liga der Weltwirtschaftsmächte katapultierte.

Der IWF erwartet 2015 und 2016 nur ein Schrumpfen der Wirtschaft von 4%. Der IWF ist aber auch stets zu optimistisch, weshalb er seine Prognosen zuletzt von Quartal zu Quartal herunterkorrigieren musste.
Archiv
Korruption und Rezession
Seit 2003 regiert die Arbeiterpartei das Land. Anfangs noch als frische politische Kraft gefeiert, hat sie sich längst an den Fleischtöpfen der Macht festgekrallt.
(makro, 15.05.2015)
Schwerpunkt
Lateinamerika