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DJ Koze macht Musik, die eine Bühne eröffnet, die die Untiefen der Seele auslotet, mit dem Beat einen Weg daraus weist und dabei Vocals als Orakel seiner musikalischen Klangwelten auftreten lässt.
DJ Koze macht Musik, die eine Bühne eröffnet, die die Untiefen der Seele auslotet, mit dem Beat einen Weg daraus weist und dabei Vocals als Orakel seiner musikalischen Klangwelten auftreten lässt.
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"Knock Knock" - das neue Album von DJ Koze
Um es von vornherein klarzustellen: Unser Autor ist Fan. Für "Kulturzeit"-Redakteur Cornelius Janzen ist DJ Koze der "wohl beste DJ der Welt". Klar, dass er sich sofort das neue Album "Knock Knock" angehört hat:
Ich bin Fan. Und genau darum fällt es mir nicht leicht, über das neue Album zu schreiben, mit dem sich DJ Koze - alias Stefan Kozalla - wieder einmal jeglichen Kategorisierungen entzieht. Sollte man überhaupt über Lieblingsmusik schreiben? Über musikalische Sphären, die sich Worten eigentlich entziehen? Wie kann man Außenstehenden über jene Welten berichten, die einen entführen, mitreißen und ein Gefühl hinterlassen, das sich nach einem zu Hause in einem Paralleluniversum anfühlt?


Hip-Hop, Disco, House, R&B - das eine hat zum anderen geführt. Diese Genres gehören untrennbar zusammen und doch stehen sie in gut sortierten Plattenläden fein säuberlich getrennt voneinander. Auf seinem neuen Album "Knock Knock" bringt DJ Koze diese Stile wieder zusammen und lässt sie zu einem musikalischen Gesamtkunstwerk verschmelzen. Vergangenheit und Gegenwart der elektronischen Tanzmusik - sie scheinen bei Koze einen Weg zu ihrer inneren Mitte zu finden. "Time is a social institution and not a physical reality", so heißt es im Track "Music On My Teeth". Und Zeit spielt tatsächlich auf einmal keine Rolle mehr, wenn man diesem Track lauscht. Gitarrenriffs, die wie aus den 1970er Jahren klingen, dann die sphärische Stimme von José González, der über Honig auf seiner Nase singt. Ist das die eigentliche Mission von Koze? Musik aus ihrer jeweiligen Zeit zu befreien? In anderen Kontexten zu neuem Leben erwachen zu lassen?

Euphorische Tracks, die nach Discokugel und Luftschlangen klingen
Im Track "Muddy Funster" hat Kurt Wagner von Lambchop ein Gastspiel - Muddy Funster, das ist im englischen die höfliche Art "Motherfucker" zu sagen. Nur einer von vielen Bezügen auf Kozes musikalische Heimat, den Hip-Hop. In "Scratch That" haucht Róisín Murphy Trip-Hop Beats neues Leben ein. Koze bewegt sich auf seinem Album elegant von melodisch-verträumten Soundlandschaften hin zu euphorischen Tracks, die nach Discokugel und Luftschlangen klingen. Er mache "Sad Disco" hat Koze einmal gesagt. In "Pick Up" singt eine Frauenstimme über eine Trennung - und an diesem Song wird klar, was Koze mit dem Begriff "Sad Disco" meint. Auf den 16 Tracks des Albums finden sich zahlreiche Vocals von Künstlern, die dem DJ Ihre Stimmen verleihen: neben Róisín Murphy, Kurt Wagner sind José González, Speech von Arrested Development und Bon Iver zu hören. In "Drone Me Up, Flashy" singt Sophia Kennedy in Hildegard-Knef-Manier darüber, warum die besten Gedanken entstehen, wenn sich die Langeweile im Leben einnisten kann.

DJ Koze macht Musik, die eine Bühne eröffnet, die die Untiefen der Seele auslotet, mit dem Beat einen Weg daraus weist, den Sample als Medium nutzt und dabei Vocals als Orakel seiner musikalischen Klangwelten auftreten lässt. Wenn man das neue Album von DJ Koze hört, eröffnet sich ein Paralleluniversum, das mystisch ist, entrückt, düster, melancholisch, aber auch heiter und selbstironisch. Und es dürfte wohl genau jene Mischung sein, die das neue Album von DJ Koze zu einem seiner besten macht. Kosi, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, ist zurück und dürfte jeden erfreuen, der den passenden Soundtrack für einen warmen Sommerregen auf heißem Asphalt oder für das Nachhause kommen nach einem Langstreckenflug sucht. DJ Koze bringt Zauber in die Welt und öffnet mit "Knock Knock" Türen, über deren Schwelle man sonst nie treten würde. Das bei einem solchen meisterhaften Umgang mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der elektronischen Clubmusik bei dem 46-jährigen auch stets der Schalk den Ton angibt, zeigt wie Koze meist den Dialog mit seinem Nächsten eröffnet: "Lass mal über dich reden! Wie findste denn meine neue Platte?"

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
Cornelius Janzen
"Kulturzeit"-Redakteur Cornelius Janzen würde DJ Koze gerne mal die Plattenkoffer tragen.
CD
"Knock Knock"
von DJ Koze
Pampa Records (Rough Trade) 2018