© Ubisoft
"Far Cry 5" kann man getrost als von der Realität (fast) eingeholt bezeichnen.
"Far Cry 5" kann man getrost als von der Realität (fast) eingeholt bezeichnen.
Willkommen in Hope County
"Far Cry 5" beschäftigt sich mit religiösem Fanatismus
Eine ultra-religiöse Gruppe im US-Bundesstaat Montana unterwandert Behörden und Medien. Der Anführer entzieht sich der Verhaftung, das dünn besiedelte Hope County wird praktisch übernommen. "Far Cry 5" kann man getrost als von der Realität (fast) eingeholt bezeichnen. Tatsächlich ist das Setting eine Idee, die das französisch-kanadische Studio Ubisoft für seine "Far Cry"-Reihe schon 2012 diskutiert hatte.
Der fünfte Teil der Reihe beschäftigt sich mit dem Oberthema religiöser Fanatismus und liefert einmal mehr einen charismatischen, am Rande des Wahnsinns agierenden Antagonisten. Joseph Seed hat äußerlich durchaus Hipster-Potential, ist aber kein Startup-Gründer aus Berlin. Stattdessen führt der Kopf eines Familien-Clans eine Sekte, die an das baldige Ende der Welt glaubt. Schleichend hat Seed in der ländliche Kleinstadt und der Umgebung jeden Aspekt des alltäglichen Lebens übernommen, Behörden, Medien, Institutionen unterwandert.

Widerstand gegen Kult
Unser Einstieg als Spieler markiert den ersten dramatischen Höhepunkt dieser bisher schleichenden Entwicklung. Eigentlich sollen wir als Teil eines mobilen Einsatzkommandos Joseph Seed wegen des Vorwurfs der Entführung verhaften. Denn nicht alle in der Gegend wollen freiwillig seine Schäfchen werden. Unsere Ankunft und die versuchte Verhaftung nutzt der Kult dazu, in einem Coup den Rest der abgeschiedenen Region gewaltsam unter Kontrolle zu bringen. Die gescheiterte Verhaftung lässt uns als Spieler isoliert und auf der Flucht in der Gegend zurück. Wir müssen nun den Widerstand organisieren und versuchen, es mit dem Seed-Clan und seinen Anhängern aufzunehmen.

In einer riesigen offenen Welt gibt es Haupt- und Nebenmissionen und enorm viel Freiheit, diese anzugehen. Das Spieltempo ist völlig in der Hand des Spielers. Auch unser Vorgehen ist weitgehend Typfrage: Auf sie mit Gebrüll - oder schleichend ohne viel Blei in der Luft. Im Co-Op-Modus kann ein weiterer Mitspieler in die Story einsteigen und helfen. Selbst tierische Helfer sind möglich. Die Mischung aus Rätseln und Action ist fesselnd. Wir müssen beispielsweise herausfinden, wie sich ein vollgelaufener Keller leerpumpen lässt, aktivieren Funktürme, retten Menschen vor Kultisten, stürmen kleine Außenposten, suchen Verbündete, nutzen die Flora und Fauna. Farm um Farm, Waldstück für Waldstück holen wir uns Hope County zurück. Im Spiel treffen wir immer wieder interessante Charaktere, die Welt wirkt lebendig und bunt. Die Dialoge hingegen wirken gelegentlich eher schwach. Es fehlt der Vergleich zum englischen Original, oft machen Kleinigkeiten in der Übersetzung doch einen großen Unterschied. Manches wirkt im deutschen Dialog jedenfalls arg gestelzt.

Schnappatmung bei Alt-Right-Bewegung
Wenn man sieht, wie gespalten das aktuelle Amerika ist, wirkt das Thema hoch aktuell. Die Autoren und Spiel-Designer hätten erzählerisch mehr daraus machen können, aber auch Leerstellen sprechen ja durchaus für sich. Womöglich ist es aber auch kein erklärtes Ziel der Spieldesigner gewesen, ein wirklich politisches Spiel zu machen. Zumal viele der sich heute geradezu aufdrängenden Parallelen während der Entwicklung vermutlich noch nicht abzusehen waren. Die Alt-Right-Bewegung bekam jedenfalls bei Bekanntwerden der Story Schnappatmung. Eine christliche Gruppe als „die Bösen“ - das passt einfach nicht ins Weltbild.

Dass das Regime des Sektenführers Joseph Seed menschenverachtend ist, dürfte klar sein. Als Spieler bekommen wir vergleichsweise wenige Antworten-Möglichkeiten darauf – jedenfalls keine politischen. Aber durchaus die Wahl, wie wir vorgehen wollen. Denken müssen wir selbst. Trotz kleinerer Logik-Lücken in der Story und ein bisschen verschenktem Potential kann Far Cry 5 uns spielerisch durchaus gewinnen: Mit starken Charakteren, viel Freiheit und gut inszenierten Missionen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
© privat_nValentina Hirsch
Valentina Hirsch berichtet für 3sat seit vielen Leveln über Videospiel- & Netzkulturthemen. Spiele beschäftigen sie seit ungefähr Tetris und vielen pixeligen "Amiga 500"-Abenteuern.
Spieleinfo
"Far Cry 5"
Entwickler: Ubisoft Montreal
Plattform: PC/PS4/X-Box One
ab 18 Jahren