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Boltanski dringt in seinem autobiografischen Roman immer weiter vor bis in den hintersten Winkel des Pariser Herrschaftshauses, in dem er aufgewachsen ist, und rekonstruiert Raum für Raum das Schicksal seiner Familie.
Boltanski dringt in seinem autobiografischen Roman immer weiter vor bis in den hintersten Winkel des Pariser Herrschaftshauses, in dem er aufgewachsen ist, und rekonstruiert Raum für Raum das Schicksal seiner Familie.
Licht trotz Finsternis
Das literarische Debüt "Das Versteck" von Christophe Boltanski
Frankreich ist 2017 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Im Programm der deutschen, österreichischen und schweizerischen Verlage lassen sich daher wahre Schätze der französischen Gegenwartsliteratur heben. "Kulturzeit"-Mitarbeiterin Nora Karches hat bemerkenswerte Roman-Neuerscheinungen entdeckt, zum Beispiel "Das Versteck", den Überraschungserfolg von Christophe Boltanski.
Bei der Veröffentlichung in Frankreich im Literaturherbst 2015: Das Feuilleton der Grande Nation bespricht den Debütroman "La Cache" von Christophe Boltanski ohne Ausnahme hymnisch, er wird als "das atemberaubendste, witzigste und erschütterndste Buch des Herbstes" beworben. Im November desselben Jahres folgt die Auszeichnung mit dem renommierten Prix Femina. Als folge er dem Faden der Ariadne, dringt Boltanski in seinem autobiografischen Roman - der nun auf Deutsch erschienen ist - immer weiter vor bis in den hintersten Winkel des herrschaftlichen Pariser Anwesens, in dem er aufgewachsen ist, und rekonstruiert Raum für Raum das Schicksal seiner berühmten Familie.

Esprit bohème in der Kommune
Boltanskis Roman wartet mit gleich zwei exzentrischen Protagonisten auf: einer verschrobenen Frau sowie - und das ist das Außergewöhnliche - einem unergründlichen Haus. Christophes Großmutter Marie-Élise, Großgrundbesitzerin und Kommunistin in einer Person, ist die Alpha-Wölfin der Boltanskis. Die resolute Frau sitzt stets am Steuer des behindertengerecht umgebauten Fiat 500, sie ist nahezu gelähmt. Fünf Personen, drei Generationen in einem Auto so groß wie ein Goldfischglas, sie verlassen das Haus nur gemeinsam und nie zu Fuß.

"Eine Familie, konzipiert wie ein kompakter Block, eine multiple Einheit, deren Teile ein untrennbares Ganzes bildeten wie die Gliedmaßen eines einzigen Körpers. Die Spezies eines großen Tausendfüßlers, der sich langsam fortbewegte und die Finsternis dem Licht vorzog. Ständig auf der Suche nach einem Zufluchtsort."

Als der jüdische Großvater, ein Chefarzt in einem Pariser Krankenhaus, ins Fadenkreuz des Vichy-Regimes gerät, versteckt Marie-Élise ihren jüdischen Ehemann 20 Monate lang zuhause in einem Zwischenraum unter dem Fußboden. In der Rue de Grenelle im vornehmen 7. Arrondissement hausen die Boltanskis auch nach dem Krieg wie die Clochards, man wäscht sich nicht. Jahrelang schläft Christophe mit seinem Onkel Jean-Élie im Zimmer der Großeltern in Schlafsäcken. "Meine Familie lebte nicht zurückgezogen, sondern zusammengeschweißt", schreibt der Ich-Erzähler über den Boltanski-Clan und bezeichnet seine Jahre in der Rue de Grenelle als die glücklichsten seines Lebens.

Manifest für Freiheit und Nonkonformismus
Mit seinen autofiktiven Anleihen und der Vermischung von Komik und Schrecken erinnert der Roman an Jonathan Safran Foers fulminantes Debüt "Alles ist erleuchtet". Die Auseinandersetzung mit der Fragilität von Erinnerungsentwürfen und der Frage, wie viel Fiktion in Erinnerung enthalten ist, ist kennzeichnend für viele Bücher, die nach dem Holocaust geschrieben worden sind. Sie findet sich ebenso bei Imre Kertész und Primo Levi. Für Boltanski ist eine Rekonstruktion seiner Familiengeschichte besonders kompliziert, da Erinnerung in seiner Familie ein Tabu ist: Es gibt keine Fotos, Geburtstage werden nicht gefeiert. In seinem Versuch, die Geschichte seiner Familie wahrheitsgetreu und chronologisch wiederzugeben, scheitert Boltanski - allerdings durchaus mit Absicht.

Die Leistung des Romans besteht darin, dass er stattdessen in der Zeit vor- und zurückspringt und das außergewöhnliche Leben seiner Familie in vielen Einzelerzählungen entfaltet, die er dem Leser in Form von schillernden Mosaiksteinen zuwirft. Es gelingt ihm auf unterhaltsame Weise zu erzählen, wie sich die Boltanskis, unangepasste Schiffbrüchige, im Provisorium dauerhaft einrichten. Er bekennt sich in seinem Roman zu den Brüchen, die die Identität der Boltanskis ausmachen, anstatt sich in Selbstbeweihräucherung zu ergehen und verknüpft die Intimität einer Familie mit der Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
© privatLupeNora Karches
Unsere Mitarbeiterin Nora Karches studiert in Mainz Weltliteratur und lebt zurzeit in Frankreich. Besonders gut haben ihr im Roman "Das Versteck" die Passagen gefallen, in denen der Erzähler den Alltag der Familie in diesem faszinierenden Haus schildert, das man nach der Lektüre des Buches am liebsten besichtigen möchte. Allen voran hat bei ihr jedoch die facettenreiche Figur der verschrobenen und liberalen Bohemien Marie-Élise einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Buch
"Das Versteck"
von Christophe Boltanski
Übersetzung: Tobias Scheffel
Hanser 2017
ISBN-13: 978-3446256422
Zum Autor
Christophe Boltanski
Christophe Boltanski, geboren 1962, ist der Sohn des Soziologen Luc Boltanski. Seine Onkel sind der international bekannte Konzeptkünstler Christian und der Linguist Jean-Élie, die Fotografin Anne Franski ist seine Tante. Sie alle wuchsen in einem Herrschaftshaus in der Rue de Grenelle in Paris unter den Fittichen von Marie-Élise auf. In Frankreich nennt man sie die Bolts, die Familie gehört zur Elite der französischen Künstler- und Intellektuellenszene. Christophe ist erfolgreicher Journalist und Chefredeakteur der Zeitschrift "XXI". "Das Versteck" (2015) ist sein erster Roman.