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Der Song-Poet Leonard Cohen traute sich wie kaum ein anderer von Gefühlen zu singen.
Der Song-Poet Leonard Cohen traute sich wie kaum ein anderer von Gefühlen zu singen.
Poet der dunklen Gefühle
Vor einem Jahr starb Songwriter Leonard Cohen
"Ich bin bereit" sang Leonard Cohen immer wieder auf seinem letzten Album "You Want It Darker". Vor einem Jahr, am 7. November 2016, ist der legendäre Songwriter mit 82 Jahren gestorben - zwei Wochen nach Erscheinen des Albums.
Leonard Cohen wirkte immer schon, als sei er aus der Zeit gefallen. Man munkelt, er sei im Anzug geboren. 32 ist er, als er beschließt Musiker zu werden, ein jüdischer Dichter aus Montreal auf der Suche nach einem neuen Publikum. Viel zu alt in der jungen Szene. Die Folkszene im New Yorker Greenwich Village, Ende der 1960er Jahre, Velvet Underground, Andy Warhols Factory: Leonard Cohen kennt sie alle, aber er gehört nicht dazu. Doch Cohen hat Glück: Seine Songs gefallen dem Folk-Star Judy Collins - sie nimmt sie auf, bevor er es tut. Überraschend schnell wird Cohen ein Star. Mit "Suzanne". Der Song hat betörende Auswirkungen, auf seine Fans, auch auf die deutsche Schauspielerin Doris Kunstmann, die sich mit Cohen nach einem seiner Auftritte verabredet. Bei allem Erfolg: Cohen fühlt sich gefangen. Filmemacher Tony Palmer begleitet ihn auf einer langen Tour, auch nach Berlin.

Ein Film über Cohen - 40 Jahre unter Verschluss
© dpa Leonard Cohen (1976)
Leonard Cohen (1976)
Der Film "Bird On A Wire" ist schonungslos, zeigt Cohen provokant in Berlin, zerbrechlich in Israel. Den Druck, als Jude in Jerusalem zu spielen, hält er nicht aus, bricht das Konzert ab. "In der Kabbala steht: Solange Adam und Eva sich nicht gegenüberstehen, sitzt Gott nicht auf seinem Thron", sagt Cohen. "Und irgendwie weigern sich der männliche und der weibliche Teil in mir heute sich zu berühren und Gott sitzt nicht auf seinem Thron. Und dass das ausgerechnet in Jerusalem geschieht, ist furchtbar. Ich schaffe es einfach nicht. Mir gefällt es nicht. Schluss aus." So hatte Cohen noch niemand gesehen. Und so sollte es bleiben: Fast 40 Jahre lang verschwand Palmers Film in der Schublade.

Als Cohen dann doch wieder auf die Bühne kommt, geht es natürlich - um eine Frau. Cohen ist ein Suchender, auch musikalisch. In den 1980er Jahren hat er genug von der Gitarre und kauft ein Keyboard. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Holocaust, mit dem Judentum und lebt immer wieder in einem Zen-Kloster. Tradition und Aufbruch, Abgeschiedenheit und Sex - die Widersprüche eines Lebens. Vier Jahre arbeitet Cohen an einem einzigen Song, der all das vereint, mehr als 80 Strophen schreibt er für "Hallelujah", sein Hohelied auf König David.

 

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"You Want It Darker" - Leonard Cohen hat ein beeindruckendes Alterswerk geschaffen
"Marianne, du musst wissen, ich bin so dicht hinter dir." So verabschiedete Leonard Cohen gerade noch seine Muse der 1960er Jahre, die Frau, für die er "So Long, Marianne" geschrieben hatte. Jetzt ist auch er mit 82 Jahren gestorben - zwei Wochen nach der Veröffentlichung seines letzten Albums, das Ralf Rättig für uns gehört hat.
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König David beobachtet Batseba beim Bad - ein biblisches Thema, eine zerstörerische Beziehung und ein Song über das Songwriting. Ein Jahrhundert-Song, doch er brauchte zehn Jahre, um zum Klassiker zu werden - erst Sänger Jeff Buckley befreit "Hallelujah". Cohen hatte schon eine lange Karriere, als in den 1990er Jahren eine neue Generation seine Musik für sich entdeckte. Sie sollte noch länger werden, als seine Managerin ihn um sein Erspartes brachte. Cohen musste wieder live spielen, 2008 nach 15 Jahren. Es hat schon was, wenn ein fast 80-Jähriger von Crack und sorglosem Sex singt ... Hallelujah.

Reaktionen ...
"Mein Vater starb friedlich zuhause in Los Angeles in dem Wissen, dass er die Arbeit an seinem bedeutendsten Album abgeschlossen hatte", sagte Adam Cohen, Sänger und Sohn von Leonard Cohen. Das "Rolling Stone Magazine" schrieb: "Nur Bob Dylan hat einen tiefgreifenderen Einfluss auf seine Generation gehabt und vielleicht nur Paul Simon und seine Landsfrau Joni Mitchell waren auf einer Stufe mit ihm als Song-Poet." Nick Cave & The Bad Seeds twitterten: "1/2 For many of us Leonard Cohen was the greatest songwriter of them all. Utterly unique and impossible to imitate ..." Der Pianist Igor Levit schrieb: "Mein persönlicher Nachruf auf Leonard Cohen: Hört ihn euch an. Er spricht für sich selbst. Hört ihn euch an." Die Schauspielerin Bette Midler teilte mit: "Eine weitere magische Stimme ist verstummt." Und Sängerin Lily Allen sprach vielen aus dem Herzen: "Danke Dir Leonard Cohen. Danke für alles."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
CD
"You Want It Darker"
von Leonard Cohen
Columbia 2016
Mediathek
© ZDFVideoWarum Cohen auch im Alter die Muse küsst ...
... erklärte er im Clip (engl.)
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