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© Kunsthaus Bern Lupe
Seine Werke hängen sogar im Museum of Modern Art (MoMA).
Rätselhafter Künstler
Vern Blosum in der Kunsthalle Bern
In der Kunsthalle Bern sind zurzeit Bilder eines Künstlers zu sehen, der drei Jahre lang in New York zu den Topshots der Kunstszene gehörte, eine vielversprechende Karriere vor sich hatte und dann von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Es war das Jahr 1960. Und der Künstler hieß Vern Blosum. Das Rätsel um seine wahre Identität ist bis heute geblieben. Eine Spurensuche.
New York, Ende der 1950er Jahre: Ein junger Maler, wir nennen ihn X, zieht neu in die Stadt. Er malt in der Art der Abstrakten Expressionisten, wie Franz Kline oder Jackson Pollock. Doch diese Kunstrichtung kommt bereits aus der Mode, die Avantgarde geht neue Wege. Unser junger Maler X sieht mit seiner Kunst etwas alt aus - so zumindest erzählt es der Direktor der Kunsthalle Bern, Fabrice Stroun: "Kaum in New York, sieht er diese neue Kunstrichtung auftauchen, die viel kälter, intellektueller, weniger intuitiv ist und die sich Pop Art nennt. Das sind Künstler, die Bilder des Alltäglichen aufgreifen, Bilder der kommerziellen Kultur."

"Dann mach' ich halt auch Pop Art"
Pop Art ist also der neue Trend. Andy Warhol, Jasper Johns, Roy Lichtenstein. Na gut! "Dann mach' ich halt auch Pop Art", denkt sich unser junge Maler X. Als Erstes bastelt er sich eine fiktive Identität: Vern Blosum. Geboren 1936 in Denver, früher Autohändler, Kunstausbildung: keine. Das Lustige an der Tarnung: Sie funktioniert. Vern Blosum hat eine wunderbare Karriere, er ist bei Leo Castelli, dem wohl wichtigsten Kunsthändler jener Ära, seine Bilder werden in namhafte Sammlungen aufgenommen, sie hängen sogar im Museum of Modern Art (MoMA) und werden in den wichtigsten Ausstellungen der Pop Art gezeigt.

Drei Jahre lang - von 1961 bis 1964 - malt Vern Blosum Pop-Art-Bilder. 45 insgesamt. Viele davon thematisieren das baldige Verschwinden, die Zeit, die abläuft oder bereits abgelaufen ist, wie etwa in einer Serie mit Parkuhren. Den Schlusspunkt seines Pop-Art-Experiments markieren zwei Stop-Zeichen. Dann verschwindet Blosum spurlos. Bis heute weiß niemand, wer sich hinter dem Phantom versteckt, außer ein paar Eingeweihten. Sein wirklicher Name ist seit 50 Jahren ein Geheimnis und bis auf weiteres möchte der Künstler - der übrigens noch lebt - das auch so beibehalten. Er hat das Projekt als Fiktion begonnen und dabei soll es bleiben.

Er hat mit allen gespielt
Der Künstler lebt also noch. Er sei zurzeit sogar in der Schweiz, sagt der Museumschef, in Bern, genauer gesagt. Und dann ist plötzlich dieser ältere Herr in der Kunsthalle, um die 80, mit US-amerikanischem Slang. Das könnte Vern Blosum sein. Und schon ist man mitten im Verwirrspiel, schwankend zwischen Einbildung und Veräppelung. Klar ist das eine Form der Kritik, aber keine ätzend böse, vielmehr ein Spiel, er macht sich ein bisschen lustig über die Pop Art. Er hat mit allen gespielt, mit den größten Museen. Das MoMA hatte ein Bild gekauft und als sie feststellen mussten, dass Vern Blosum nicht existiert, wussten sie plötzlich nicht mehr, was sie da hatten. Waren das echte Bilder, falsche Bilder? Wie soll man sie betrachten, welchen Sinn ihnen geben?

Das MoMA war überfordert. Ohne klare Identität des Urhebers wollte man das Bild nicht mehr ausstellen. Es wurde abgehängt und der Phantom-Künstler geriet allmählich in Vergessenheit. Schade, findet der Direktor der Kunsthalle. Die ungeklärte Identität Vern Blosums sei genau das Spannende an diesem Werk: "Wenn man versucht, die Geschichte zu verstehen, entsteht große Verwirrung und Unruhe - und genau das interessiert mich", sagt Fabrice Stroun. "Das ist etwas Lebenswichtiges, wenn man Kunst betrachtet. Es zwingt einen, Fragen zu stellen: Was sehen wir? Wieso? Was will die Person uns sagen?" Und was den älteren Herrn betrifft - noch bevor wir ihn fragen konnten, war er schon wieder verschwunden. Typisch Vern Blosum.

Ausstellung
© Kunsthaus BernLupe"Vern Blosum"
Kunsthalle Bern (CH)
bis 03.08.2014