Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
010203040506
07
08
091011121314
15
1617181920
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Moderation
SENDUNG
Themen am 19.10.2017Navigationselement
Navigationselement
© dpa Lupe
2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal.
Keine "gute alte Zeit"
"Der taumelnde Kontinent" blickt auf 1914
In seinem Bestseller "Der taumelnde Kontinent" beschreibt der Historiker Philipp Blom die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als eine voller radikaler Veränderungen und großer Umbrüche. 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Regisseur Robert Neumüller nahm dies zum Anlass, das Buch gemeinsam mit Blom als TV-Dokumentation zu verfilmen.
Wie die Bilder einander gleichen: Menschenmassen, Hektik, Verkehrsstaus - was uns heute nervt, war vor 100 Jahren aufregend neu. Autorennen, Flugzeuge, permanente Kommunikation - was unser heutiges Leben bestimmt, hat um 1900 begonnen. Die Welt von gestern ist die Welt von heute - so die zentrale These von Philipp Bloms Sachbuchs "Der taumelnde Kontinent". Robert Neumüller hat für seine Verfilmung des Buches bemerkenswerte Archivbilder aus ganz Europa zusammengetragen.

Europa im Aufbruch
© ap Lupe
Henry Ford und und Thomas Edison in einem der ersten PKW
Es ist kein Idyll, keine "gute alte Zeit" - Blom und auch Neumüller porträtieren die Jahre zwischen 1900 und 1914 als ein Europa im Aufbruch. In England marschieren die Suffragetten für mehr Frauenrechte. Im Ruhrpott schmiedet Deutschland gewinnträchtig an der schönen neuen Welt. Die Zukunft, so scheint es, ist rosig. Es sei einem heute "gar nicht mehr bewusst", so die Regisseurin Ariane Mnouchkine, "wie sehr das Ende des 19. Jahrhunderts ein Zeitalter der Morgendämmerung war. Alles erwachte. Man wollte alles. Man konnte alles. Man glaubte, dass man alles kann."

Kein Stein bleibt auf dem anderen - auch nicht in der Wissenschaft. Albert Einstein erklärt in seiner Relativitätstheorie, dass Zeit und Raum keinesfalls feste Größen seien. Die Polin Marie Curie entdeckt die Radioaktivität. Max Planck begründet die Quantenphysik. Die Moderne ist eine Welt der Massen und des Konsums. Millionen Städter rasen mit der U-Bahn von einem Kaufrausch zum nächsten. Europa glitzert und glänzt. 53 Millionen Besucher bestaunen auf der Weltausstellung in Paris die Errungenschaften der Zeit. Zum Massenvergnügen wird auch das Reisen: Millionen Touristen erholen sich in Brighton und auf Rügen von den Strapazen der Moderne. Verdutzt müssen die Männer erkennen: Immer öfter nehmen Frauen das Ruder in die Hand - in der Arbeitswelt wie beim Sex. Fitness-Clubs und Sportstadien sind letzte Refugien, wo die Welt noch nach festen Regeln funktioniert. Allein in Großbritannien werden 12.000 Fußballclubs gegründet.

Restlos "out of date" sind Europas Monarchien. Die Könige und Kaiser stehen der Moderne ratlos gegenüber. Während Österreichs Franz Josef I. und Englands Edward VII. im Wald Hirschen hinterherjagen, marschieren in den Straßen die Arbeiter auf und fordern gerechten Lohn. Ein starrköpfiger Zar Nikolaus II. lässt am 9. Januar 1905 auf seine Untertanen schießen.

An der schönen neuen Welt klebt Blut
Auch an der schönen neuen Welt klebt Blut: Es fließt in den Kolonien. Belgiens König Leopold II. errichtet im Kongo ein Terror-Regime. Um die Männer zu zwingen, möglichst große Mengen an Kautschuk abzuliefern, lässt er deren Frauen und Kinder als Geiseln nehmen. Wird das Pensum nicht erfüllt, werden ihnen die Hände abgehackt. Es ist der bis dahin größte Massenmord der Geschichte - mit zehn Millionen Opfern. Erst der Reederei-Angestellte Eduard Morel stoppt das Blutvergießen. Er bringt den Skandal an die Öffentlichkeit und zwingt König Leopold II. in einer beispiellosen Pressekampagne dazu, die Kolonie aufzugeben.

Die Welt von heute ist die Welt von gestern: Eindrucksvoll stellen Neumüller und Blom in dem Film "Der taumelnde Kontinent" ihre These unter Beweis. Die Erde wird zum globalen Dorf. Und so genügt ein einzelner Anlass, um die Menschheit auch in ihren ersten globalen Krieg zu stürzen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Gespräch mit ...
VideoPhilipp Blom, Historiker und Autor
(17.01.2014)
Buch
"Der taumelnde Kontinent: Europa 1900 - 1914"
von Philipp Blom
Deutscher-Taschenbuch-Verlag 2011ISBN-13: 978-3423346788
Sendung zum Thema
"Der taumelnde Kontinent"
Dreiteilige Dokumentation von Philipp Blom und Robert Neumüller auf 3sat: