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© ZDF und Oliver Vaccaro Lupe
Woyzeck (Tom Schilling) mit Marie (Nora von Waldstätten)
Abgründig zeitgemäß
Georg Büchners "Woyzeck" als Fernsehfilm
Vor 200 Jahren wurde Georg Büchner geboren, vor 100 Jahren sein Dramenfragment "Woyzeck" am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Wie zeitlos aktuell Büchners schonungsloser Blick auf die Abgründe der menschlichen Psyche ist, zeigt die Neuverfilmung von Nuran David Calis, der die Handlung ins Kiez-Milieu des heutigen Berlin-Wedding verlegt.
Tom Schilling spielt den Außenseiter, am Ende der Abwärtsspirale. Für seine Marie und das Kind verdingt er sich als Proband für dubiose Pharmaexperimente, als Schienenreiniger und als Hilfskraft in dem Café, das er einst selbst betrieb. "Wir haben den Woyzeck auch gerade hier angesiedelt als jemanden, der auch nicht die schlauesten Ideen hat", sagt Darsteller Tom Schilling. "Er macht hier in Wedding ein Schnitzelrestaurant auf, in einem Umfeld, wo keiner Schweinefleisch isst. Da ist er auch nicht wirklich der klügste Geschäftsmann."

Schikanierter Außenseiter
Das große Geld macht ein anderer. Büchners Tambourmajor ist hier ein machohafter Zuhälter. Er stellt Woyzecks Marie nach und beeindruckt sie mit seinem Imponiergehabe. Der türkische Cafébesitzer, der Woyzeck schikaniert, ist Büchners Hauptmann. Er steht weit über den deutschen Sozialverlierern. "Es geht nicht um Deutsch oder um Arabisch oder um Türkisch", so Tom Schilling. "Es geht darum, dass jemand als Minderheit in der Minderheit, in der Parallelgesellschaft, versucht es zu schaffen. In unserem Fall ist es eben der Woyzeck, der es in Wedding versucht. In jeder Parallelgesellschaft hat es der Außenseiter schwer."

Woyzeck arbeitet Tag und Nacht, um seinen Traum - eine kleinbürgerlichen Idylle - zu verwirklichen. Die Pharmaexperimente lassen ihn ohnehin nicht schlafen. Was bei Büchner die Erbsendiät ist, ist im Film ein Pillenmix aus Wachmachern. Woyzeck schluckt Drogen, mit denen der Zuhälter seine Prostituierten länger auf den Strich schicken will. Büchners Moralbegriff übersetzt in heutige Millieu-Verhältnisse? "Wenn dort das Überleben wichtiger wird - das, was auf den Tisch kommt, wichtiger wird als das Miteinander", so Regisseur Nuran David Calis, wichtiger als der Gesellschaftspakt, dann höhle sich dieser Moralbegriff natürlich aus. "Und es ist natürlich einfacher für den, der da oben steht, über die Unmoralischen unten zu urteilen. Und diese Reflektion versucht Büchner uns deutlich zu machen: dass es Moral und Moral gibt."

Poetische Kraft
Büchners Sprache, die Regisseur Calis häufig im Original belässt, wirkt natürlich und heutig. Calis fürchtet sich auch nicht vor Büchners poetischer Kraft. Es sind Zitate, wie aus der Zeit geworfen. Der Film schreckt auf, geht unter die Haut. Es ist beängstigend, wie zeitgemäß der vorrevolutionäre Büchner erscheint.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
"Woyzeck"
DE 2013
Regie: Nuran David Calis
Darsteller: Tom Schilling, Nora Von Waldstätten, Simon Kirsch, u.a.
Büchner-Abend in 3sat
© ZDF und Oliver Vaccaro"Büchner-Protokoll"
19. Oktober 2013,
um 21.15 Uhr in 3sat

"Woyzeck"
19. Oktober 2013,
um 22.00 Uhr in 3sat
Mediathek
VideoBUCHMESSE FRANKFURT 2013:
Gespräch mit Ralf Beil und Burghard Dedner über ihr Buch "Georg Büchner: Revolutionär mit Feder und Skalpell" am 3sat-Stand (10.10.2013)
Mediathek
VideoBUCHMESSE LEIPZIG 2013:
Gespräch mit Hermann Kurzke über sein Buch "Georg Büchner: Geschichte eines Genies" am 3sat-Stand (14.03.2013)