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© Helen Woods Lupe
In den 90ern wird Herbert als DJ und Produzent mit House- und Techno bekannt.
Klang gewordene Erkenntnis
Matthew Herberts abstrakte Kompositionen
Wie klingt es, wenn Krieg und Gewalt zur Grundlage für Musik werden? Welche Melodien entstehen dann? Dürfen sie mitreißen? Dürfen sie für einen Moment den Krieg vergessen lassen, um dann wieder daran zu erinnern? Matthew Herberts Uraufführung von "Das Ende der Stille" auf dem Achtbrücken-Festival in der Kölner Philharmonie suchte nach Antworten.
"Ich wollte ein Lied aus einem einzigen Klang machen", sagt der Brite Matthew Herbert. "Am Ende habe ich ein ganzes Album daraus gemacht. Ich habe mich gefragt, welchen Klang ich dafür benutzen soll. Schließlich hat mir ein Fotograf eine Tonspur eines Bombardements eines lybischen Kriegsflugzeugs von Gaddafi geschickt. Es war furchterregend und hat mich tief beeindruckt." Die Grundlage sind zehn Sekunden Tonaufnahmen, die während des Nato-Bombardements auf Tripolis 2011 entstanden.

Matthew Herbert extrahiert die Töne und baut mithilfe der Samples ein gewaltiges, mitunter verstörendes Klanggerüst. Die Einzelteile des Stücks werden improvisiert und zusammengesetzt, das weckt Assoziationen. Zwangsläufig bekommt die Komposition eine politische, soziale und moralische Dimension. "Die Botschaft ist: Wir sollten aufmerksamer in die Welt horchen", so Herbert. "Das Stück hat auch eine politische Dimension, denn Gaddafi hat seine Leute mit Waffen bombardiert, die wir ihm verkauft haben. Dabei sollten wir keine boshaften Diktatoren aufrüsten. Dieses Album ist ein Versuch, die Geschichte anzuhalten und einen dieser Millionen Momente zu verarbeiten, begreifbar zu machen, ihnen Sinn zu geben."

Samples mit echten Instrumenten
Die Suche nach dem Sinn ist das Fundament seiner Arbeit. In den 1990er Jahren wird Herbert als DJ und Produzent mit House- und Techno-Projekten bekannt. Mit dem Erfolg wächst sein Anspruch. In einem Manifest stellt er Regeln für seine Kompositionen auf. Er arbeitet nur mit echten Instrumenten, nicht mit elektronischen Nachahmungen. Die Samples sind eigene Unikate, kein Fremdmaterial. So sichert Herbert seine Authentizität. In seiner "One- Serie" nutzt er Samples aus einem bestimmten thematischen Zusammenhang. In "One Day" ist die Zeiterfahrung eines Tages seine musikalische Grundlage. "Du samplest nicht nur einen Klang, sondern auch seinen Kontext, seine Zeit", erklärt er. "Es ist eine andere Art, die Welt auszuwerten. Und genau das liebe ich auch am Samplen. Denn es stellt für mich eine vielseitige Herausforderung dar. Wenn ich anfange, mich unwohl zu fühlen, dann hat das eine Ursache und der will ich auf den Grund gehen." Dabei geht Matthew Herbert immer wieder bis an die Schmerzgrenze.

Für sein Album "One Pig" nutzt er ausschließlich Geräusche eines Schweines, begleitet es dafür von seiner Geburt bis zu seinem Verzehr. Eigens dafür lässt er sich ein Instrument anfertigen. Alles wird Teil des Wahrnehmungsprozesses. "Wir haben eine immense Distanz zwischen unseren Handlungen und dessen Konsequenzen", sagt er, "auch beim Verzehr von Fleisch, vor allem bei billigem Fleisch. Die Tiere werden unter miserablen Bedingungen gehalten. Wir sollten weniger Tiere essen und sie besser behandeln. Ich esse Fleisch, also wollte ich den Prozess verstehen. Deswegen war es auch wichtig, diesen Prozess vom Anfang bis zum Ende zu begleiten."

Musik ist mächtiges politisches Instrument
Am Ende des künstlerischen Prozesses steht seine persönliche, Klang gewordene Erkenntnis. Diese soll Grundstein für die Auseinandersetzung seines Publikums sein. Matthew Herberts Stücke sind abstrakt und doch zugänglich. Betritt man sein Gedanken- und Klanggebäude, so eröffnen sich neue Erfahrungsräume. "Als nächstes will ich einige Schauplätze besuchen. Ironischerweise", so Herbert, "sollte mein nächstes Album über eine Fabrik in Bangladesch sein, das Kleider für England macht. Dann ist diese Tragödie passiert. Ich werde das Thema vielleicht später wieder aufgreifen. Meine nächste Herausforderung wird erst einmal sein, diese gemütliche europäische Künstlerblase zu verlassen und mir die Zustände vor Ort anzuschauen." Musik ist für Matthew Herbert ein mächtiges politisches Instrument, eine radikale Fragestellung, ein Sich-Aufbäumen und Anklagen. Wir können schon jetzt auf das nächste musikalische Ergebnis seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Welt gespannt sein.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr