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Elise und Didier machen Bluegrass-Musik zusammen - und leiden zu zweit.
Elise und Didier machen Bluegrass-Musik zusammen - und leiden zu zweit.
Vom perfekten Glück
"Kulturzeit"-Filmkritik zu "The Broken Circle" (2013)
Der Film "The Broken Circle" erzählt von Didier und Elise, die sich ineinander verlieben und bald gemeinsam in Didiers Bluegrass-Band singen. Die beiden sind so grundverschieden wie seinerzeit das britische Filmpaar Harold und Maude.
Elise betreibt einen Tatoo-Laden. Didier ist ein bärtiger Althippie, lebt in einem alten Bauernhaus und träumt von Amerika. Mit ihrer Musik singen die beiden gegen ein Schicksal an, das es ihnen nicht gerade leicht macht, Optimismus und Lebensfreude zu verbreiten. Der Film von Felix van Groningen basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, auf der Berlinale wurde er mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet.

"Romantisch und leidenschaftlich"
Dieser Film ist wie ein Sog. Didier und Elise sind das bezauberndste Paar, das das Kino seit Langem gesehen hat. Er: flämischer Cowboy, Althippie, der in einem Wohnwagen lebt, frei von allen Zwängen. Sie: Stolze Besitzerin eines Tatoo-Ladens, selbst ihre beste Kundin. Ihr Körper ist das Tagebuch eines wechselvollen Lebens. "Sie sind sehr romantisch und leidenschaftlich", sagt Veerle Baetens, die die Elise spielt. "Genau diese Leidenschaft haben sie bei anderen eben nicht gefunden - und das schweißt sie zusammen. Das ist der Funke. Und die Art zu leben, das Leben der Bohème, das freie Denken."

Das perfekte Glück - kann das gut gehen? Der Film fragt, wie wir mit dem Leben umgehen und dem, was es uns zumutet. Elise und Didier sind Musiker. Sie erzählen ihre Geschichte in Liedern - wie ein Musical. Ihre Musik ist des Bluegrass. "Das Großartige an dieser Musik ist, dass sie sehr ehrlich und direkt, ja brutal direkt ist", sagt Hauptdarsteller Johan Heldenbergh. "Jeder Song erzählt eine wahre Geschichte. Sie sagt immer: Countrymusik sind drei Akkorde und die Wahrheit." "Das habe nicht ich gesagt, das war jemand anders", so Baetens. "Aber es stimmt: Drei Akkorde und die Wahrheit.Ich glaube, in dieser Musik steckt viel Integrität. Sie ist akustisch, wahr und sehr emotional."

Glaube als Rettungsanker
In starken Bildern erzählt der Film von Trauer, in der letztlich doch jeder für sich alleine ist. In der grenzenlosen Verzweiflung wird der Glaube zum Rettungsanker. Der Film weitet den Blick, zeigt, wie in der Krise die Religion in unser Leben eingreift. Hauptdarsteller Johan Heldenbergh hat das selbst erlebt und ein Theaterstück geschrieben - die Vorlage zum Film. "Ich habe das Stück geschrieben, weil ich auf der Bühne darüber sprechen musste", sagt er. "Nach dem 11. September 2001 hatte ich das Gefühl, dass Religion in mein Leben eindrang, dass es eine Art ethische Umkehrung gab. Jeder sagte mir, wie ich zu leben hatte und was zu tun sei."

Elise und Didier machen weiter. Irgendwie. Und doch bleibt diese eine existenzielle Frage: Was ist das für ein Gott, der diese beiden so bestraft? "Es ist eine Schande, dass Menschen glauben, ein Gott bestraft sie für ihre Taten. Jeder muss für sein Leben Verantwortung übernehmen", so Heldenbergh. "The Broken Circle" ist ein poetischer Film, radikal pessimistisch und voller Hunger nach Leben - großes Kino, das lange nachschwingt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
3sat zeigt ...
"The Broken Circle"
Donnerstag, 09,11,2017
um 22.25 Uhr in 3sat

BE 2012
Regie: Felix Van Groeningen
Darsteller: Veerle Baetens, Johan Heldenbergh, Nell Cattrysse, u.a.