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© Saul Leiter Lupe
Saul Leiter dokumentiert in seinen Fotos das New York der 1950er Jahre.
Chronist in Farbe
Saul Leiters Fotografien in Wien
Der 89-jährigen New Yorker Fotograf und Maler Saul Leiter setzte für seine Fotografie bereits in den 1940er Jahren Farbfilm ein. Eine Pionierleistung, die auch dazu führte, dass die Fotogeschichte umgeschrieben werden musste, denn bis in die 1960er Jahre arbeiteten Kunstfotografen in Schwarz-Weiß. Im Kunsthaus Wien ist jetzt die erste Retrospektive Leiters in Österreich zu sehen.
In Saul Leiters Apartment im New Yorker East Village bewahrt er tausende Dias in unzähligen Schachteln auf: malerische Farbaufnahmen von New York aus den 1940er bis 1960er Jahren - einer Zeit, die wir nur in Schwarz-Weiß kennen. Leiter projizierte seine Dias im Freundeskreis. Man trank eine Flasche Wein dazu und genoss den Abend. Danach verschwanden die Dias wieder in den Schachteln. Erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wurden Fotoabzüge davon hergestellt. Leiter hatte damals kein Geld dafür.

"Ich wollte nie die Welt erobern"
Leiter war nie daran interessiert, berühmt zu werden. Bis heute lebt er ausschließlich für seine Kunst. "Ich wollte nie die Welt erobern", sagt er. "Ich wollte ruhig leben und Zeit haben, um tun zu können, was ich gerne tue. In unserer Welt gibt es so viele Menschen, die diese Erfahrung niemals machen können. Sie gehen durchs Leben und wünschen sich eigentlich, ganz woanders zu sein. Mich haben solche Fantasien nie belastet."

Seit mehr als 50 Jahren wohnt und arbeitet der heute 89-jährige Saul Leiter im New Yorker East Village - einem ehemals angesagtes Künstlerviertel, Hort der Bohème, mit kleinen Theatern, Parks und Geschäften. Hier entstanden die meisten seiner Farbaufnahmen. Frisch und modern wirken diese Fotografien. Kaum zu glauben, dass sie in den 1950er Jahren entstanden sind. Poesie findet Leiter im banalen Alltag. Er zeigt nur kleine Ausschnitte, in denen sich doch ganz New York erschließt. Es steckt in den Details, im Licht, vor allem in der Farbe. Und die setzt er ganz dezent ein.

"Fotografie lehrt dich das Sehen"
Leiter fotografiert meist bei Regen und Schnee, um eine weiche, malerische Stimmung zu schaffen. Manchmal ist die Farbe nur ein kleiner Akzent. Man muss sich beim Anschauen der Bilder Zeit nehmen, erst dann entfalten sie ihre Wirkung. "Eine wichtige Sache an Fotografie ist: Sie lehrt dich das Sehen", sagt der Fotograf. "Manchmal fragt man sich doch, warum einem dieses oder jenes nicht aufgefallen ist. Die meisten Menschen schauen nicht wirklich hin. Sie gehen an einem lichtdurchfluteten oder regennassen Fenster vorbei, aber sie schauen gar nicht hin."

1946 kam Saul Leiter mit 23 Jahren, ohne Geld und ohne richtigen Plan nach New York. Sein Vater, ein orthodoxer Rabbiner aus Polen, hofft, sein Sohn würde werden wie er. Saul aber will Maler sein. Seine Atelierwohnung ist vollgeräumt mit kleinen Gemälden. Er liest viel, studiert oft nächtelang Kunstbücher. In New York lernt er die abstrakten Expressionisten kennen: Mark Rothko, William de Kooning, Jackson Pollock. Immer wieder sagen diese ihm: Saul, wenn du große Formate malen würdest, wärest du morgen berühmt. "Ich liebe die Malerei", sagt Leiter. "Wenn ich in diesen Raum komme, schnappe mir einen Pinsel und beginne, an etwas zu arbeiten. Millionen Dinge liegen hier herum - und es macht mich glücklich. Ich schäme mich fast, zu sagen, dass die Malerei für mich eine Quelle großer Freude ist."

Fotograf und Maler
Die Ausstellung im Wiener Kunsthaus stellt Leiters Malerei und seine Farbfotografie berechtigterweise einander gegenüber. Wenn man Leiters abstrakte Malerei sieht, denn entdeckt man, dass er auch beim Fotografieren oft wie ein abstrakter Maler denkt: in Farben und Flächen. Damit komponiert er viele seiner Bilder. Seit Saul Leiter in den 1990ern entdeckt wurde, vermisst er bisweilen die Ruhe, die er bis dahin hatte. Ständig werden ihm Fragen zu seiner Kunst gestellt. "Es gibt Künstler, die lieben es, ihre Arbeit zu erklären", sagt er. "Ich glaube aber nicht, dass das, was sie erklären, der Grund dafür ist, dass sie tun, was sie tun. Aber sie wollen gefällig sein, weil die Welt voll von Menschen wie Sie ist, die Fragen stellen."

Saul Leiters vielfach vergriffene Fotobücher sind begehrte Sammlerstücke. Derzeit arbeitet er mit seiner Assistentin an einem neuen Buchprojekt. "Early Black And White" ist der Titel, denn Leiter hat 1946 in New York mit der Schwarzweiß-Fotografie begonnen. Auch solche frühen Aufnahmen sind in der Wiener Austellung zu sehen. Im Kunsthaus Wien kann man einen Meister entdecken, der Jahrzehnte lang unbemerkt Einzigartiges produziert hat.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Saul Leiter"
Kunsthaus Wien
bis 26.05.2013
Fotogalerie
© Saul LeiterNew York in Farbe
Saul Leiters Fotos aus den 1950er Jahren