Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
November 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
30
31
010203
04
05
0607080910
11
12
1314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
01
02
03
Moderation
SENDUNG
Themen am 21.11.2017Navigationselement
Navigationselement
© www.bergmannfilm Lupe
"Hölderlin ist ein bisschen wie Meskalin", sagt der Künstler und Filmemacher Harald Bergmann, der vier opulente Filme über den Dichter produziert hat.
Die Hölderlin-Droge
Harald Bergmann zeigt "Hölderlins Archive"
Angst vor Hölderlin? Die braucht man nicht zu haben, denn das scheinbar Komplizierte und Komplexe ist manchmal das Mitreißendste, wie eine Installation und Ausstellung unter dem Titel "Hölderlins Archive" in der Halleschen Moritzburg unlängst bewies. Sie soll in absehbarer Zeit weiterwandern und in Tübingen sowie im ZKM Karlsruhe präsentiert werden.
"Hölderlin ist ein bisschen wie Meskalin", sagt der Künstler und Filmemacher Harald Bergmann, der vier opulente Filme über den Dichter und sein Werk produziert hat, um deren Modernität auf den Grund zu gehen. In der Stiftung Moritzburg in Halle wurde daraus eine spektakuläre Videoinstallation - finanziert von der Kulturstiftung des Bundes.

Rätselhaft, abenteuerlich, abgehoben, wild
© www.bergmannfilm Lupe
"Dichtung, die keine Distanz mehr zulässt."
Hölderlins Poesie ist unbestritten ein Höhepunkt der deutschen sowie der abendländischen Literatur: rätselhaft, abenteuerlich, abgehoben und wild. Dem Zauber seiner Worte kann sich nicht entziehen, wer sich je darauf eingelassen hat. "Hölderlin ist genauso etwas wie eine Droge", sagt auch der Philosoph Heinz Wissmann. Friedrich Hölderlin? Für Wissmann ist er "eine Art religiöses Erlebnis". Es sei "eine Dichtung, die keine Distanz mehr zulässt, die einen total in den Griff nimmt und wegschleppt." Der Hölderlin-Kosmos ist eine Installation und Ausstellung, die hoffentlich noch lange weiter wandert. Eine Entdeckung. Denn hier gelingt Erstaunliches: eine zeitgemäße Übersetzung, Nähe. Aus der Fülle des Materials seiner vier Hölderlin-Filme, hat hier ein "Weggeschleppter" einen multimedialen Brocken inszeniert: gewichtig und leicht.

Hölderlin sei heute ein "merkwürdiges Abschreckungswort", so Harald Bergmann - "Nietzsche und Hölderlin - es wird dann immer gesagt: 'schwere Kost', da denke ich immer an Knödel oder sowas, aber es ist irgendwie ganz exquisite Kost. [...] Wir sind eben durch unsere Vergangenheit, auch nach dem Faschismus und so weiter, gegen jegliche Sprache, die irgendwie so ein Pathos hat. Dafür kann der Hölderlin aber nichts. Da ist wirklich etwas ganz Großes, wo man dieses Pathos irgendwie bringen müsste - das habe ich versucht auf anderen Wegen zu kriegen."

Gesampelte Filmsequenzen
© www.bergmannfilm Lupe
Bei Hölderlin dreht sich alles um Rhythmus.
Bergmanns Arbeit ist ein Bilderrausch, eine moderne Sinfonie gesampelter Filmsequenzen, die Hölderlin ins Hier und Jetzt katapultiert. Und genau da gehört er hin, in unsere Nüchternheitskultur. "HIN - Hölderlins Archive" heißt das hochambitionierte Projekt. Das Kürzel H, I und N steht für "heroisch - idealisch - naiv". Aus diesen drei Tönen wollte Hölderlin eine Einheit komponieren. "HIN" ist eine hochmoderne Montagetechnik: das Collagieren, das Verlinken disparater Elemente. Bei Hölderlin dreht sich alles um Rhythmus - und Bergmann versetzt uns in Schwingung. "Das Ganze ist im Grunde genommen ein Übersetzungsprozess", so der Künstler und Filmemacher. "Hölderlin hat in Schrift etwas inszeniert, was ich im Film, im Medium zu inszenieren versuche. Und wie kann man das übersetzen, was in Literatur passiert? Diese Schichtungen, dieses Übereinander und Ineinander, dieses Anreichern, das ist eben etwas ganz anderes als unser konfliktbasiertes Kino, wo irgendwie einfach nur Sachen gegeneinander stehen und es dann eine Lösung geben muss."

Mehr als zehn Jahre lang war der Filmemacher Hölderlin auf der Spur: ganz oben, querfeldein und hinunter. Es ist eine filmische Expedition und auch filmisches Experiment, mit unterschiedlichsten Stilmitteln und Protagonisten. Das Rätsel Hölderlin bleibt. Vergessen und unvergessen zugleich - und unverstanden. Schauspieler Walter Schmidinger etwa sagt nach dem Lesen eines Hölderlin-Gedichtes: "Von dem Gedicht verstehe ich keine Zeile.Keine! Keine einzige. Aber es macht nichts." Man versteht kein Wort. Trotzdem ist man ergriffen.

Film als Erkenntnisinstrument
"Es gibt eben diesen Satz", so Harald Bergmann: "'Und mich leset, oh, ihr Blüten von Deutschland, mein Herz wird Kristall, an dem das Licht sich prüfet.' Solche Sätze stehen da. Und ich finde, das, was man in Literatur machen kann, in solchen Gedichten, dass man das auch mit Film machen kann, das finde ich interessant. Film auch nicht als Unterhaltungsmedium, sondern Film als Erkenntnisinstrument - dass man sich und den Zuschauer in einen anderen Bewusstseinszustand bringen kann." "Hölderlin Archive" ist eine Einladung zum Lesen und Wieder-Lesen. Ein mitreißendes Plädoyer für das Rätselhafte, das Originelle, das Sperrige in einer weichgespülten Mainstream-Kultur. "Hölderlins Dichtung ist für uns ein Schicksal. Es wartet darauf, dass die Sterblichen ihm entsprechen", behauptete Martin Heidegger. Vielleicht ist jetzt auch die Zeit, ihm nach rund 200 Jahren zumindest sehr nahe zu kommen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Installation
"HIN - Hölderlins Archive"
Eine Filminstallation von Harald Bergmann
Stiftung Moritzburg, Halle/Saale
bis 06.01.2013
Info
Am 20. März 2013 beginnen wieder die Hölderlin-Tage in Tübingen. Um den Geburtstag des Dichters herum wird auch Harald Bergmann wieder Film-Live-Konzerte zu Aufführungen der Hölderlin-Filme geben. Mehr dazu auf www.bergmannfilm.de.
DVD/Buch
"Hölderlin Edition"
(vierbändige DVD-/Buch-Edition:
I Lyrische Suite
II Hölderlin Comics
III Scardanelli
IV Passion Hölderlin
bergmannfilm
Hintergrund
Harald Bergmann hat Film an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und am California Institute of Arts studiert. Er hat den Grimme-Preis für "Brinkmanns Zorn" (2006/2007) sowie den "Innovationspreis der deutschen Filmkritik" und "Preis der Autoren" vom Verlag der Autoren erhalten. 1994 war er Stipendiat der Akademie der Künste in Berlin. Dazu erhielt er den Hölderlin-Preis der Stadt und Universität Tübingen für die "Hölderlin-Trilogie".
Mediathek
VideoInterview
mit Michael Freitag, Kurator der Stiftung Moritzburg
Mediathek
VideoInterview
mit Friederike Tappe-Hornbostel, Kulturstiftung des Bundes