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© Familienbesitz Behr Lupe
Emil Behr (hier um 1975) sprach nicht mit seiner Familie über seine Zeit in Auschwitz - weder in seinen Briefen noch in der persönlichen Begegnung.
Briefe aus Auschwitz
Jüdische Erinnerungen von Emil Behr
Wie erhalten wir das Gedenken an den Holocaust, wenn die Zeitzeugen tot sind, wenn Gedenkveranstaltungen zu hohlen Betroffenheitsbekundungen werden, der Horror zum Kitsch? Einen anderen Zugang suchen Ausstellungsmacher zurzeit in Frankfurt am Main. Persönliche Zeugnisse sind jetzt im Jüdischen Museum ausgestellt: Briefe aus Auschwitz von dem Juden Emil Behr an seine Frau Hedwig und an seinen Sohn Werner.
Es sind Briefe von einem Häftling, die alltäglich erscheinen, ein berührendes Puzzelteil aus der Vergangenheit, das erst jetzt öffentlich wird. "Wir befinden uns in einer Umbruchphase", sagt der Germanist und Kurator Jesko Bender. "Uns ist völlig klar, dass etwas dadurch verloren geht, dass die Zeitzeugen in absehbarer Zeit nicht mehr für ein Gespräch zur Verfügung stehen werden." In Zusammenarbeit mit der Universität Frankfurt am Main ist eine ungewöhnliche Ausstellung zu sehen - Briefen, die in ihrer Harmlosigkeit unter die Haut gehen. "Was zum Ausdruck kommt, ist unglaublich viel Liebe", so die Enkelin Monique Behr. "Ansonsten ist nichts von Auschwitz zu erfahren. Und das ist signifikant, finde ich, für die Briefe, dass überhaupt nichts von diesem Schrecken zum Ausdruck kommt."

Extrem traumatische Erfahrungen
© Familienbesitz Behr Lupe
Emil Behr mit Sohn Werner und Frau Hedwig Behr Ende der 1930er Jahre.
Es ist etwas Besonderes, dass Emil Behr Briefe aus Auschwitz schreiben darf, als Elektriker ist er in einer privilegierten Position. Er kann nicht offen über die Geschehnisse in Auschwitz schreiben. Doch er wird auch nach der Zeit im KZ nichts davon erzählen - weder in seinen Briefen noch in der persönlichen Begegnung mit seiner Familie. "Hier spricht man von Dissoziation", erklärt der Psychoanalytiker Kurt Grünberg. "Extrem traumatische Erfahrungen sind nicht aushaltbar, sich zu vergegenwärtigen. Die werden sozusagen in Fragmente zerstückelt und eingekapselt in Erinnerung behalten."

Obwohl die Enkelin Monique Behr viel Zeit mit ihrem Großvater Emil verbrachte, hat er ihr nie von Auschwitz erzählt. "Dass etwas nicht stimmt, habe ich einmal gedacht, da war ich acht oder neun Jahre alt und habe meinen Großvater gefragt, was er für eine Nummer auf dem Arm hat. Er antwortete, meinen Vater anlächelnd, dass er sich die Telefonnummer nie hätte merken können. Obwohl ich ein sehr neugieriges Mädchen war, habe ich nicht nachgefragt, obwohl ich sofort merkte, das ist komisch." Und weil schwierige Fragen auf der Familie lasteten und über bestimmte Dinge nie gesprochen wurde, hat sie das Familien-Trauma zum beruflichen Thema gemacht.

Ein Tag Auschwitz für fünf Euro
Die Erfahrungen der Verfolgten im Nationalsozialismus bleiben uns als "gestauter Schrecken". Können wir der Gedenkfalle entkommen, obwohl überall Banalisierung droht? "Wenn in Krakau günstige Ausflugsreisen nach Auschwitz angeboten werden, quasi ein Tag Auschwitz für fünf oder zehn Euro, dann ist das schwer erträglich", sagt Kurt Grünberg. "Aber es gibt vielfältige Bemühungen von Wissenschaftlern und Journalisten, sich sehr lebendig mit der Gegenwart zu beschäftigen und in der Auseinandersetzung mit dem Gegenwärtigen auf die Vergangenheit zu stoßen. Und das ist nicht kitschig." Das Erinnern verändert sich. Das Bemühen gegen die Verkitschung des Gedenkens hat gerade erst begonnen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Emil Behr - Briefzeugenschaft vor, aus, nach Auschwitz"

Jüdisches Museum, Frankfurt/Main
bis 31.03.2013

Prinz-Max-Palais, Karlsruhe
12.04. bis 30.06.2013