Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Januar 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
010203040506
07
0809
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
© ap Lupe
Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) ist das wohl bezauberndste Geschöpf, das die Leinwand seit Langem gesehen hat.
Bezaubernd wild
Benh Zeitlins Film "Beasts of the Southern Wild"
Es ist das herausragende Filmdebüt des Jahres: Der New Yorker Regisseur Benh Zeitlin erzählt in seinem Film "Beasts of the Southern Wild" in fantastischen Bildern von einem verdammten Landstrich der USA: dem Süden von Louisiana - verseucht durch die Explosion einer Bohrinsel von British Petrol, verwüstet durch Hurricanes wie Katrina. Im Zentrum des Films steht eine Überlebenskünstlerin: ein kleines Mädchen namens Hushpuppy.
Hushpuppy ist sechs Jahre alt. Sie lebt an einem Ort, der aus der Welt gefallen ist. Das Herz des Lebens schlägt dort wilder, aber auch poetischer. Hushpuppy und ihr Vater haben weder Fernseher noch Sozialversicherungsnummer, aber Schweine und Hühner - das reicht zum Überleben. Mit den Augen eines Kindes blickt der Film "Beasts of the Southern Wild" auf unsere Zivilisation und zeigt einen alternativen Lebensentwurf. "Dieser Ort ist für mich nicht arm", sagt Regisseur Benh Zeitlin. "Geld existiert hier einfach nicht. Es ist ein Platz außerhalb der Landkarte, ganz ohne Gier. Es gibt kein Finanzsystem, weder Smartphones noch Computer. Doch das hat nichts mit Armut zu tun, denn die Menschen haben dieses Leben so gewählt. Sie sind autark, ernähren sich vom Meer und dem Land und leben in Einklang mit der Natur."

An einem verdammten Ort
© ap Lupe
Regisseur Benh Zeitlin und seine Hauptdarsteller in Cannes
Zeitlins Film spielt in Louisiana, dem Land der Hurricanes. Jenseits des Deiches liegt Bathtub, die Badewanne, ein verdammter Ort. Dort schlägt die Flut ungebremst auf. Doch die Leute fliehen nicht, wenn der Sturm kommt, sie trotzen ihm mit einer rauschenden Party. Bathtub ist eine Ansammlung ärmlicher Hütten und doch ihre dem Wasser abgerungene Heimat. Die Darsteller sind Laien aus der Region. Sie kennen Stürme wie Katrina. "Wenn der Sturm kommt, hauen die Leute ab, und ihre Läden werden dann geplündert", sagt der Darsteller Dwight Henry. "Als Katrina kam, bin ich dageblieben, denn ich habe hart für meine Bäckerei gearbeitet. Ich habe dem Sturm getrotzt, das Wasser stand mir bis zum Hals."

"Beasts of the Southern Wild" ist ein Film wie ein Wirbelsturm. Er haut einen um. Schon lange hat das Kino nicht mit solcher Wucht vom Leben erzählt. "Ich wollte zeigen, was es bedeutet, ein Stück Land zu verteidigen", sagt Benh Zeitlin, "wenn die Loyalität zu einem Flecken Erde, zur Familie und zum eigenen Heim wichtiger ist als die eigene Sicherheit, und wenn Menschen den Mut haben, an einem Ort zu bleiben, dem sie dann beim Sterben zusehen müssen." Gedreht wurde der Film in der Nähe von New Orleans zwei Jahre nach Hurricane Katrina. Der New Yorker Regisseur Benh Zeitlin ist nach Louisiana gegangen - und geblieben, dort, wo die Folgen der Klimakatastrophe jeden Tag und überall physisch spürbar sind. Sein Film ist wuchtig und sinnlich. Er schmeckt nach Rost, Schlamm und Schnaps.

Der Bäcker und das Mädchen
Das Erstaunlichste an Zeitlins Film aber sind die Laiendarsteller: ein einfacher Bäcker und ein kleines Mädchen. Die kleine Quvenzhané Wallis ist die Entdeckung des Films. "Sie durfte sich Wink, also ihren Vater im Film, selbst aussuchen", sagt Dwight Henry, der den Vater spielt. "Denn der Darsteller, den der Regisseur ausgesucht hatte, musste von ihr abgesegnet werden. Und zwei Mal hatte sie schon nein gesagt. Als ich erfuhr, dass ich sie treffen würde, musste ich mir überlegen, wie ich ihr Herz erobern konnte." "Als wir uns das erste Mal gesehen haben, hat er mir Süßigkeiten mitgebracht", erzählt Quvenzhané Wallis. "Und er sagte, der beste Weg, um das Herz einer Dame oder eines kleinen Mädchens zu erobern, geht über ihren Magen. Er kam also und sagte: 'Hier, alles für dich'. Ich lächelte und er bekam die Rolle."

Im Film ist Winks Härte Ausdruck einer übergroßen, verzweifelten Liebe. Er möchte Hushpuppy für das raue Leben und für den Tag wappnen, an dem er vielleicht nicht mehr da sein wird. Sie soll überleben können - auch ohne ihn. Der Film zeigt auf berührende Weise, wie zerbrechlich alles ist, das Leben wie die Natur. Es ist ein Gegenentwurf zur Einheitskost aus Hollywood, gedreht von einem Künstlerkollektiv.

"Jedes Hollywoodstudio würde sagen: 'Du musst große Stars besetzen, damit der Film seine Kosten wieder einspielt'", so Benh Zeitlin. "Meine Produktionsfirma sagte: 'Nimm den Bäcker von nebenan'. Wir wollen, dass Filme anders gemacht werden. Wir wollen aus dem System ausbrechen, in dem Stars und viel Geld alles diktieren." In einer Nussschale tritt Benh Zeitlin gegen die Giganten der Filmindustrie an. "Beasts of the Southern Wild" ist einer der ganz großen Filme des Kinojahres 2012. Ein echter Wurf.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
© CinereachLupe"Beasts of the Southern Wild"
USA 2012
Regie: Benh Zeitlin
Darsteller: Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly u.a.
Kinostarts:
DE/CH: 20.12.2012
AT: 21.12.2012
Mediathek
© dpaVideoInterview mit Benh Zeitlin
Regisseur (geführt von Gudula Moritz)
Mediathek
© apVideoInterview mit Dwight Henry
und Quvenzhané Wallis
(geführt von Gudula Moritz)