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© dapd Lupe
Die markante Stimme von Soundgarden: Chris Cornell
Grunge is back
Soundgarden und ihr neues Album "King Animal"
Soundgarden ist neben Nirvana und Pearl Jam die dritte große Band des Grunge. 15 Jahre haben die Musiker zusammen kein Album mehr aufgenommen. Nun kommt das neue Werk "King Animal".
1994 waren sich Seattle und der Zeitgeist für einen kurzen Moment einig. Es war höchste Zeit, "Nein" zu sagen zum ungebremsten Kapitalismus der Reagan-, dann der Bush-Jahre, zur Spießerwelt des weißen Amerika, zum Mainstream. Doch der Kapitalismus wusste damit umzugehen, kaufte die Rebellion einfach auf. Die Musikindustrie machte aus dem Seattle-Sound eine weltweite Marke: Grunge.

"Ihr werdet für immer mit dem Etikett 'Grunge' abgestempelt werden."
Bassist Ben Shepherd:
"Danke dafür. Das ist echt Bullshit".
"Keine von den Seattle-Bands mochte dieses Wort 'Grunge'. Wie sehr belastet Euch dieses Etikett?"
Shepherd:
"Null".
Chris Cornell:
"Es ist eigentlich nicht wichtig. Irgendwie ist das heute nicht mehr unser Problem."

Musikindustrie: Fluch oder Segen?
Wie auch immer man die Musik aus Seattle nennt, sie war die letzte Musikrichtung, die einer ganzen Generation etwas bedeutete. Was ist davon übrig geblieben? Die Band Soundgarden kam ursprünglich vom Metal. Schwere Riffs dröhnen auch heute in den Ohren des Konzert-Publikums, zum Beispiel bei "Spoonman". Ein Paradoxon: Wie kann man sich dem Kommerz verweigern und trotzdem eine Generation vor Youtube weltweit Menschen erreichen? Soundgarden brauchten die Musikindustrie - und zerbrachen 1997 an ihr. "Als wir noch eine Indie-Band waren, machten wir alles selbst, so wie wir es wollten, und haben gar nicht groß nachgedacht", berichtet Chris Cornell. "Wir haben direkt miteinander gesprochen, alles kam von uns. Zum Beispiel die Videos: Unsere ersten kosteten gerade einmal ein paar tausend Dollar und es gab nur den Regisseur und seinen Kumpel, der ihm half. Später, beim Major-Label, kamen wir zum Dreh und da standen 50 Leute."

© dpa Lupe
Chris Cornell singt auch die alten Songs noch gerne.
Und jetzt? Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Heute haben die Bands das Sagen. Nach 15 Jahren hat Soundgarden wieder ein Album aufgenommen, diesmal, ohne dass der Band jemand reingeredet hat. Leider ist die aktuelle Single "Been Away For Too Long" musikalisch und textlich reichlich banal geraten. Aber auf dem Album "King Animal" finden sich durchaus ein paar Riffs, die an das Niveau alter Songs anknüpfen, zum Beispiel an "Let Me Drown" aus dem Jahr 1994. Der Song wurde vor knapp 20 Jahren geschrieben.

Wie fühlt sich das an, heute noch die alten, düsteren Zeilen zu singen? "Musik und Text scheinen irgendwie außerhalb der Zeit zu existieren", sagt Chris Cornell. "Als wir nach so langer Zeit wieder zusammenkamen und probten, nahmen wir uns natürlich auch die alten Songs vor. Und es war alles da: jedes Detail, jeder Gedanke, jedes Gefühl von damals. Die Zeit dazwischen war wie ausgelöscht." Und Ben Shepherd ergänzt: "In so einer Band zu sein, ist, als hättest du für die Zeit einen Beschleuniger und eine Nähmaschine. Du kannst Zeitsprünge einfach auslöschen, sie blitzschnell überbrücken und merkst es nicht einmal. Zeit spielt keine Rolle, oder vielmehr: Sie ist so relativ, dass sie keine Rolle spielt." Und dann komme es einem ganz schön merkwürdig vor, "alle diese Erfahrungen, die du inzwischen gemacht hast, wieder zu erleben, die Lücke wieder aufzufüllen", sagt Cornell. Soundgarden und der Zeitgeist gehen inzwischen getrennte Wege. Ihre Schlacht ist geschlagen. Die Musik ist geblieben.

Sendedaten
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um 19.20 Uhr
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© dpaVideoSoundgarden-Interview ...
(geführt von Ralf Rättig, 09.11.2012)