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© dpa Lupe
Nur ein Hund leistet der Ich-Erzählerin (Martina Gedeck) Gesellschaft.
Plötzlich allein
Marlen Haushofers "Die Wand" als Film
Es scheint, als habe ein großes Unglück alle getötet. Nur die namenlose Ich-Erzählerin ist allein zurückgeblieben und sieht jenseits einer gläsernen Wand alle Menschen wie erstarrt. "Die Wand", der 1963 erschienene Roman der Österreicherin Marlen Haushofer, ist längst ein Klassiker. Er ist Science Fiction und Zivilisationskritik und galt als unverfilmbar. Nach langem Anlauf hat nun Julian Roman Pölsler das Buch verfilmt - mit Martina Gedeck, die fast die gesamte Länge des Films allein bestreitet.
Eine Frau fährt mit Freunden aufs Land. Doch die Fahrt wird mit einem radikalen Einschnitt enden. Die Verfilmung von Marlen Haushofers Literaturklassiker "Die Wand" beginnt mit trügerischer Sorglosigkeit. Und dann geschieht etwas völlig Surreales: Die Frau wacht morgens in einer Berghütte auf und stellt fest, dass sie alleine ist. Die Freunde waren noch ins nächste Dorf gefahren und wohl noch nicht zurück, denkt sie zunächst, bis sie draußen eine unsichtbare Wand findet, die sie fortan vom Rest der Welt trennt. "Die beiden mussten im Dorf geblieben sein", schreibt die Frau in ihr Tagebuch. "Ich wunderte mich sehr darüber. Es konnte einfach nicht wahr sein, derartige Dinge geschahen einfach nicht. Ich hätte mich leicht mit einer kleinen Verrücktheit abgefunden als mit dem schrecklichen, unsichtbaren Ding." Martina Gedeck, die die Rolle der Frau spielt, erklärt: "Der Mensch ist allein. Das ist er sowieso. Das Tier, jedes Lebewesen ist allein."

Hinter der Wand
© dpa Lupe
Das Tagebuchschreiben macht das einsame Dasein erträglicher.
Die namenlose Erzählerin ist plötzlich, ohne Vorwarnung auf sich allein gestellt. Das Dasein wird zur Strapaze. Es zählt nur noch eins: Womit ist es erträglicher zu leben? In der Einsamkeit oder im Alleinsein? Ohne Erklärung ist die Frau abgeschlossen von allem menschlichen Leben - hinter einer unsichtbaren Wand. Der Versuch, die Wand zu durchbrechen - eine Wahnsinnstat - misslingt. Die Wand ist konkret, viel mehr als ein Gefühl. Mit dem Kopf durch die Wand? Die österreichische Schrifstellerin Marlen Haushofer lebte zeitlebens ein unbeachtetes Leben. Ihr Roman “Die Wand“ wurde zum Bestseller, doch richtig befreien konnte sich Marlen Haushofer nie. Sie starb bereits mit 49 Jahren an Knochenkrebs. Danach wurde ihr Werk abfällig zu "Frauenliteratur" erklärt.

"Die Haushofer war Hausfrau, sie hatte Kinder, da hat man gesagt: Das ist Hausfrauenliteratur", erklärt Martina Gedeck. "So fing das mit dieser Frauenschiene an, dabei ist sie ganz woanders gewesen. Sie war im Existentiellen - und das gilt für Mann und Frau. Natürlich hat sie als Frau die Frau zur Hauptfigur gemacht. Das ist auch richtig und stimmig, so wie auch die meisten Männer Männer als Hauptfiguren haben. Das ist normal, aber deswegen ist die Geschichte nicht weniger exemplarisch und gilt eigentlich für jeden Menschen."

Ausgeliefertsein
Wie verfilmt man eine Idee? Marlen Haushofers Roman "Die Wand" ist eine in Handlung gegossene Metapher und galt als unverfilmbar. Es geht um das Ausgeliefertsein. Martina Gedeck, die fast den ganzen Film allein zu sehen ist, macht das existentiell anschaulich. "Und schließlich gab ich meine sinnlose Flucht auf und stellte mich meinen Gedanken", schreibt die Frau in ihr Tagebuch.

"Die Wand" ist eine Geschichte über Innerlichkeit. Sich von den Schrecken der Welt zu befreien, geht nur durch die Auseinandersetzung mit dem Innen. "Sie befreit sich auch durch Schreiben", sagt Gedeck. "Ich glaube, dass der Mensch immer Dialog haben muss und immer zu jemandem spricht, ob es Gott ist, ob es das eigene innere Selbst ist, ob es das Tagebuch oder ein Tier ist oder ein Ort. Der Mensch bezieht sich auf etwas oder jemanden, das macht den Menschen aus, dass er sich bezieht und beziehen kann, deswegen ist der Mensch das, was er ist, deswegen ist er so ausgeliefert und deswegen kann er auch so glücklich sein, weil es immer den Bezug gibt. Deswegen gibt es auch eine Antwort. Ohne eine Antwort ist der Mensch, glaube ich, verloren - und wenn sie schreibt, dann antwortet sie." "Die Wand" handelt von der Suche nach Antworten und davon, was passiert, wenn einem das Leben die Antworten verweigert. Der Film ist seltsam beklemmend. Die Wand in sich zu bekämpfen, das ist der Kampf mit dem Leben überhaupt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
"Die Wand"
AT/DE 2012
Regie: Julian Roman Pölsler
Darsteller: Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Ulrike Beimpold, u.a.
Filmstarts:
AT: 05.10.2012
DE: 11.10.2012
Buch
Marlen Haushofer
"Die Wand"
List Taschenbuch 2004
ISBN-13: 978-3548605715
Mediathek
© dpaVideoInterview mit Julian Pölsler
geführt von Lotar Schüler
Mediathek
© dapdVideoInterview mit Martina Gedeck
geführt von Lotar Schüler