Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Archiv & Vorschau
Oktober 2014
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
010203
04
05
060708091011121314151617
18
19
2021222324
25
26
27
28
29
30
31
01
02
Moderation
PORTRÄT
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
NavigationselementNavigationselement
© Mardin Bienali Lupe
Die Biennale in Mardin findet an verschiedenen historischen Orten statt.
Kunst an der Grenze
Die Biennale von Mardin in der Türkei
Von der Stadt Mardin in Ostanatolien sind es nur zwei Kilometer bis zur syrischen Grenze. Oberflächlich deutet dort nichts darauf hin, dass nebenan ein Bürgerkrieg tobt. Doch in der Nähe von Mardin liegt das größte Auffanglager für Flüchtlinge in der Türkei. Fast 20.000 Syrer sind dort untergebracht. Ausgerechnet dort findet zum zweiten Mal eine Kunst-Biennale statt. Wirkt sich der politische Konflikt auf die Auswahl der Kunstwerke aus?
Der Kurator der Biennale, Paolo Colombo, ist vorsichtig. "Ohne Zweifel", sagt er, "um die Ecke gibt es Flüchtlingslager und furchtbare Dinge. Natürlich kann ich das nicht ignorieren, aber ich finde es sehr verlogen, wenn man das ausschlachtet." Der Schweizer holt lieber die Kunst auf die Straße und zeigt sie den einfachen Leuten. Beliebte Treffpunkte wie ein Kaffeehaus werden Ausstellungorte, die Kunst ist Teil des öffentlichen Raums.

Alte Technik für neue Kunst
© Mardin Bienali Lupe
Nasra Simmes ist vielleicht die letzte Stoffmalerin in der Türkei.
"Die Ausstellung will den Besucher dazu animieren, zwei Mal hinzusehen", sagt Colombo. "Er soll überlegen, ob das, was er sieht, Teil der Realität oder Kunst ist. Gleichzeitig kann die Bevölkerung die Objekte einfach funktional benutzen." Auch im Yeni-Hotel auf dem Basar ist die Kunst eingezogen. Ein Sofa ist ein Werk der Künstlerin Pae White. Nach der Biennale bleiben die Gegenstände dort, so wie ein prächtiger Wandvorhang. Die Stoffmalerei ist eine uralte Technik, die langsam ausstirbt.

Nasra Simmes ist 85 Jahre alt, sie ist vielleicht die letzte Stoffmalerin in der Türkei. Ihr Werk zeigt eine religiöse Szene. Die Künstlerin ist aramäische Christin, eine der ältesten Konfessionen der Welt. Schon im dritten Jahrhundert wurden die ersten Klöster in der Region gegründet. Später lebten Christen und Muslime dort friedlich Seite an Seite. Doch mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges begann die Verfolgung der Christen in der Türkei. Nicht nur Armenier, auch hunderttausende Aramäer wurden damals von den Türken vertrieben oder ermordet. "Mein Vater hat überlebt", berichtet Simmes. "Nach der Republik-Gründung hat er Atatürk ein Porträt geschickt. Er wollte zeigen, dass er keinen Groll gegen Türken hegt. Atatürk lud ihn dann nach Ankara ein. Doch mein Großvater ging nicht, er hatte Angst."

Aramäische Christen flüchten
Viele Aramäer sind damals nach Syrien geflohen - ein vergessenes Kapitel türkischer Geschichte. Jetzt kehren sie zurück und fliehen vor dem Bürgerkrieg in Syrien, wie auch Linda Asyo, die Enkelin von Nasra Simmes. Sie lebte bis vor Kurzem noch im syrischen Haseki, bis sie mit ihren Kindern zur Großmutter nach Mardin floh. "Die Unruhen wurden immer schlimmer", sagt Asyo. "Auf der Straße wird geschossen, das war kein Leben mehr. Alle unsere Verwandten sind nach Deutschland und Belgien geflohen. Wir haben dann auch unser Haus verkauft und sind gegangen. Die Unruhen betreffen alle, das hat nichts mit der Religion zu tun. Ob man nun Christ oder Muslim ist, das macht keinen Unterschied."

Die Nähe zu Syrien schlägt sich im Alltag von Mardin und in der Kunst nieder. Der Künstler Hrair Sarkissian ist Syrer, doch er hat armenische Wurzeln. Sein Großvater stammte aus der Gegend und lebte einst in den Bergen von Mardin. Sarkissian hat ihn nie kennengelernt. Als die Türken die Armenier verfolgten, floh er mit seiner Familie. "Es gab dort etwa 30 kleine Dörfer in den Bergen", erinnert sich der Künstler. "Mein Großvater kam aus einem dieser Dörfer. Es war während der Zeit des Völkermordes von 1915. Mein Großvater hatte seinen Vater bei dem Völkermord verloren. Sie mussten nach Armenien fliehen. Von dort kamen sie dann nach Syrien, nach Aleppo."

Erinnern an den Völkermord an den Armeniern
Im zentralen Ausstellungsort der Biennale stellt Sarkissian Fotos von Objekten aus, die auf den ersten Blick Rätsel aufgeben. Das Dorf von Sarkissians Großvater wurde während des Völkermords zerstört. Der Künstler hat es nachgebaut. Die zerstörten Häuser hat er in seiner Fantasie aus kleinen Bauklötzen, wie Kinder sie als Spielzeug benutzen, neu erschaffen. "Die Häuser sehen sehr klein und zerbrechlich aus", so der Künstler. "Deshalb habe ich auch Spielzeug-Bauklötze benutzt, ohne Kleber oder so etwas zu verwenden. Wenn man die Häuser anfasst, fallen sie um. Sie sehen stabil aus, aber sie sind es nicht wirklich. Das ist auch das Bild in meinem Kopf. Sie sind zerbrechlich, ich kann sie verlieren, vielleicht mich sogar nicht mehr an sie erinnern."

Die Mardin Biennale will keine Bilder vom Bürgerkrieg im Nachbarland reproduzieren. Der Kurator nimmt lieber die Stadt Mardin in den Fokus. Und doch holt die Wirklichkeit die Ausstellung immer wieder ein. In der Kunst ist die syrisch-türkische Geschichte anwesend. Sie ist Teil der Geschichte Mardins. Und so ist Syrien immer ein wenig mehr als nur eine Linie am fernen Horizont.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Ausstellung
Mardin Biennali
bis 21.10.2012