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Feiertage
Frohes Fest!
Wass für ein Jahr! Wir verabschieden uns in die Weihnachtspause. Ab dem 5. Januar ist wieder Kulturzeit. Bis dahin wünschen wir ein frohes Fest und einen guten Rutsch!
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© dpa Lupe
Was haben Mensch und Tier gemeinsam?
Tier und Mensch
Philosophicum in Lech
Was unterscheidet den Menschen tatsächlich vom Tier und was haben wir gemeinsam? Können wir die Erkenntnisfähigkeit wirklich exklusiv für uns Menschen beanspruchen? Das Philosophicum in Lech am Arlberg ist diesen Fragen nachgegangen.
Für Charles Darwin ist der Mensch die einzige Art, die nicht darauf angewiesen ist, sich für ihr Überleben genetisch der Umwelt anzupassen. Er kann vielmehr die Umwelt seinen Bedürfnissen anpassen. Wie ist es so weit gekommen? "Uns unterscheidet als Menschen die Sprache von den Tieren", sagt der Psychoanalytiker und Theologe Eugen Drewermann. "Wir können sie poetisch begreifen, von innen her, was die Tiere so nicht können. Aber wir teilen mit ihnen die Gefühle. Wir teilen mit ihnen die Schmerzempfindungen." Die Sprache hat uns ermöglicht, unser erworbenes Kulturwissen an nachkommende Generationen weiter zu geben.

Vorteil Sprache
Die Entwicklung der Sprachfähigkeit hat auch die Bewusstseinsentwicklung des Menschen entscheidend beeinflusst. Der Mensch hat durch die Sprache die Möglichkeit erlangt, die Welt nach allgemeinen Prinzipien zu ordnen und zu verstehen. Es war diese Fähigkeit, die Welt in abstrakter und symbolischer Form zu begreifen, die den Menschen dazu befähigt hat, sich die Ideen, die er von ihr hat, auch als Abbild vorzustellen und darzustellen, Artefakte von symbolischer Bedeutung zu schaffen. Der Mensch hat die Schrift geschaffen, das unterscheidet ihn von den Tieren. Aber er ist nicht die einzige Art, die diese Zeichen auch lesen kann. Zeigt man einem Schimpansen die Ziffernreihe von 1 bis 9 auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, ist er dazu in der Lage, sich die Reihenfolge richtig zu merken. Und zwar in einer Geschwindigkeit, in der wir Menschen ausnahmslos scheitern würden.

© dpa Lupe
Eugen Drewermann
"Die menschliche Sprache ist auf einem hohen Maß an Kooperation und Kommunikation entstanden", sagt Drewermann. "Und das ist vielleicht der evolutive Erfolg überhaupt in der Genese unserer Spezies. Wir haben immer dichter gelernt zusammen zu halten." Sozialen Zusammenhalt gibt es aber auch bei hoch entwickelten Tieren. Das Sozialverhalten der ersten vom Menschen domestizierten Tiere ist in vielen Merkmalen dem der Menschen ähnlich: Wölfe sind den Mitgliedern der eigenen Familie gegenüber freundlich und fürsorglich - und misstrauisch gegenüber Fremden. Auch Tiere besitzen die Fähigkeit zu erkennen, was innerhalb der Gruppe erwünschtes Verhalten ist. Hilfreich zu sein für den Anderen ist eine Fähigkeit, die nicht nur der Mensch allein besitzt. Können Tiere auch zwischen Gut und Böse unterscheiden?

Wahl und Verantwortung
"Es muss etwas dazukommen", erklärt Paul Liessmann, Leiter des Philosophicums Lech, "ein Wesen, das sich seiner Handlungen bewusst ist und das nicht unbedingt gezwungen ist zu handeln, sondern das Optionen hat. Nur solch ein Wesen ist prinzipiell, würde ich einmal sagen, schuldfähig." Der Mensch hat die Wahl und deshalb auch Verantwortung. Er hat die Fähigkeit, andere Arten zu domestizieren und für seine Zwecke auszubeuten. Aber darf er das tun? Und nach welchen Maßstäben? "Nach Rene Descartes haben Tiere keine Gefühle", so Drewermann. "Sie sind Reflexmaschinen, also darf man mit ihnen gefühllos umgehen. Sie mögen Schmerzen haben, das macht keinen Rechtsanspruch."

Im anthropozentrisch geprägten Weltbild der jüdisch-christlichen Kultur scheinen wir mit Tieren allein nach unserem Belieben verfahren zu können. Eine personale Würde gestehen wir den Tieren nicht zu. "Und die wirklich entscheidenden Argumente für eine Mithereinnahme des Tieres in die moralischen Überlegungen des Menschen, denke ich, kommen erst seit Schopenhauer auf", so Liessmann. "Warum soll ich achtsam mit ihm umgehen? Und das erste, meines Erachtens, nicht einzige, aber immer noch schlagende Argument von Schopenhauer war: dass es ein leidensfähiges Wesen ist."

"Ethik der Zukunft"
Haben wir aus dieser Tatsache die richtigen Konsquenzen gezogen? Oder endet die Moral des Menschen immer dort, wo der Profit beginnt? "Wir haben ein Rechtssystem geschaffen", so der Tierrechtsaktivist Martin Balluch, "das Menschen alle gleich behandelt - wie Personen - und alles andere zu Sachen degradiert. Wir haben also ein bisschen diese Kontinuität verloren, die man vielleicht noch in Jäger-Sammler-Gesellschaften hat, wo man dem Tier in Augenhöhe begegnet." Mit Ackerbau und Viehzucht hat sich der Mensch die Erde untertan gemacht. Er hat sich aus dem Kreislauf der Natur herausgelöst. "Wir brauchten, wenn wir Mitgefühl mit Tieren lernen, auch eine andere Form der Nahrungsaufnahme", so Drewermann, "wie zum Beispiel in Indien, wo über 50 Prozent der Bevölkerung immer noch aus religiös-ethischen Gründen Vegetarier sind. Ich bin überzeugt, es ist die Ethik der Zukunft."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
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