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© Andreas Schloesel Lupe
Bis zu ihrer Schließung 1994 machte die Treuhand 256 Milliarden D-Mark Schulden. Dieser Skandal wurde nie vollständig aufgeklärt.
Der Ausverkauf der DDR
Die Geschichte der Treuhand
Den Menschen in der DDR etwas davon zurückzugeben, was sie in 40 Jahren erarbeitet haben - das war ursprünglich die Idee hinter der Treuhand. Am Ende blieben horrende Schulden. Was war passiert?
Die meisten Investoren kamen aus dem Westen, und Banken aus der Bundesrepublik verdienten an den Krediten. Vieles, was damals passierte, sehen wir noch immer: Die Gesellschaft zahlt, wenn ein paar Wenige unkontrolliert verdienen. "Man hätte schon etwas mehr auswählen können, wenn man mehr Zeit gehabt hätte", so Klaus Klamroth, Treuhand-Direktor von 1990 bis 1992.

Treuhand verscherbelte zu Spottpreisen
Stattdessen gab es Massenentlassungen. Die Wirtschaft wurde hofiert, Alternativen gäbe es nicht, hieß es. Die Treuhand wickelte ab, verscherbelte rund 50.000 Immobilien, fast 10.000 Firmen und mehr als 25.000 Kleinbetriebe zu Spottpreisen. "Das musste, sollte in einem Tempo passieren, das natürlich jeden, der dort gearbeitet, völlig überfordert hat", erklärte Thomas Kujus, Produzent des Dokumentarfilms "Goldrausch" von 2011, der aus der Sicht ehemaliger Treuhand-Manager die Geschichte des riesigen Ausverkaufs der volkseigenen Betriebe erzählt. Auf die ganzen menschlichen Aspekte sei keine Rücksicht genommen worden, so Kujus.

Die Treuhand wurde ursprünglich gegründet, damit das DDR-Eigentum den Bürgern zugute kommt. Dann nahm die Regierung Kohl im Hintergrund Einfluss. Jetzt hieß es: Privatisieren - angeblich zum Besten aller. "Es ist eigentlich von unserer Kernidee, dass die Leute etwas von dem zurückbekommen, was sie erarbeitet haben, nichts übriggeblieben", erklärte Werner Schulz vom Bündnis 90/Grüne. Denn die Ostdeutschen hatten natürlich nicht das Geld, um einzusteigen.

Die Banken sorgten für den Geldfluss und sie gaben der Wirtschaft Milliarden-Kredite. Der deutsche Staat bürgte für alles. Und wie in der Finanzkrise durften die Banken die Gewinne behalten, bei Verlusten musste der Steuerzahler einspringen. "Trotzdem hat man Marktzinsen verlangt. Was schlichtweg unfair war", erklärte Detlef Scheunert, Assistent beim Vorstand der Treuhandanstalt von 1990 bis 1991, im Film. Die Treuhand war sexy - vor allem für Gestalten, die fehlende Kontrolle zu nutzen wissen, wie etwa Michael Rottmann. Er übernahm einen Betrieb mit 1200 Arbeitern, ließ ihn Konkurs gehen, und veruntreute dabei zig Millionen D-Mark. Die Interflug wurde liquidiert, das Bundesverkehrsministerium wollte keine Käufer aus dem Ausland. Die hätten der Lufthansa Konkurrenz gemacht. Die Arbeitnehmer schauten in die Röhre.

Privatisierung als Grundübel
© Real Fiction Lupe
Detlef Scheunert war Assistent beim Vorstand der Treuhandanstalt.
Ganz anders die Leuna-Werke: Hier flossen massive Subventionen an den Konzern Elf-Aquitaine, den neuen Eigentümer. Irgendwie wanderte das Geld immer dahin, wo es schon war. "Es gab diese Ideologie, dass alles privatisiert werden musste", sagte 2011 der Autor Ingo Schulze, der den Ausverkauf miterlebte. "Das war so ein Grundübel. In dem Augenblick, wo alles gekauft werden konnte, war es durch dieses Riesenangebot kaum noch etwas wert", so Schulze. Übrig blieben Schulden: 256 Milliarden D-Mark. Die Geschichte der Treuhand ist eine Geschichte der Umverteilung. Wie in der Finanzkrise: Alles musste schnell gehen, parlamentarische Kontrolle störte. Dubiose Investoren nutzten das aus. "Alle meinten, hier spielt die Musik, hier wird das große Geld verteilt. Hier muss ich einfach nur meine Hand in den warmen Strom halten, dann werde ich reich", so Detlef Scheunert, einst Assistent beim Vorstand der Treuhandanstalt.

Einige wurden es tatsächlich - schlicht, weil die Treuhand von der Größe der Aufgabe überfordert war und die Politik es sich einfach machen wollte. Die Wirtschaft, die Bedürfnisse von Märkten und Investoren wurden zum Maßstab allen Handelns. Heute nennt man das "marktkonforme Demokratie".

Film
"Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand"
DE 2011
Darsteller: Klaus Klamroth, Detlef Scheunert, Gerd Gebhardt, Matthias Artzt, u.a.
Kinostart DE: 30.08.2012