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© dpa Lupe
Ali Reimers im Kampf gegen die Atomkraft
Brokdorfs Wutbürger
Die AKW-Dokumentation "Das Ding am Deich"
Viele Jahre kämpfen die Bewohner der schleswig-holsteinischen Gemeinde Brokdorf und der umliegenden Dörfer gegen das Atomkraftwerk, das direkt vor ihrer Haustür entstehen soll - vergeblich. Von ihrem beeindruckenden Engagement erzählt Antje Huberts Dokumentation "Das Ding am Deich", der mit dem Max-Ophüls-Preis 2012 ausgezeichnet wurde.
Im Oktober 1979 beginnt die Hautverhandlung im Prozess um den Atommeiler Brokdorf. Gemeinden und Privatpersonen haben gegen seinen Bau geklagt, doch ihre Hoffnung auf einen endgültigen Sieg gegen die Energie-Riesen Eon und Vattenfall wird bitter enttäuscht. Dem Zeitzeugen Ali Reimers steigen die Tränen in die Augen, als er von der Niederlage der Kläger berichtet. Im Lager der Aktivisten macht sich Resignation breit: "Da war der Traum vom demokratischen Rechtsstaat vorbei."

Proteste beginnen schon in Planungsphase
"Das Ding am Deich" verleiht jenen Menschen eine Stimme, die unmittelbar vom Bau des AKW Brokdorf betroffen sind. In der sympathischen Mundart der Region schildern Zeitzeugen die Ereignisse, die das geordnete dörfliche Leben in der Wilstermarsch einst auf so dramatische Weise durcheinander gebracht haben. Die Proteste beginnen bereits während der Planungsphase des Kraftwerks Anfang der 1970er Jahre. Als es Aktivisten aus dem rheinischen Wyhl durch die Besetzung eines Bauplatzes gelingt, Pläne für einen Atommeiler zu kippen, eskaliert die Situation auch in Brokdorf. Archivmaterial veranschaulicht die explosive Atmosphäre während der Demonstrationen, die sich schließlich in massiven Ausschreitungen entlädt. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein, die friedliche Mehrheit der Demonstranten fühlt sich zu Unrecht kriminalisiert. Enttäuschung seitens der Anwohner macht sich breit, die verantwortlichen Politiker betrachten sie als Erfüllungsgehilfen der Industrie: "Es ist schwer, jemanden zu wecken, der sich schlafend stellt", heißt es im Film.

Doch die Aktivisten lassen sich nicht entmutigen. In den folgenden Jahren kämpfen zahlreiche Bürgerinitiativen der Region mit Unterstützung aus Hamburg und Kiel gegen den Bau des Meilers. Einen Teilerfolg können sie im Dezember 1976 mit einer Sammelklage erringen: Das Gericht ordnet einen vorläufigen Baustopp an. Doch die Freude der Brokdorfer und ihrer Unterstützer ist nur von kurzer Dauer. Eine Gesetzesänderung ermöglicht es den Betreibern, den Prozess neu aufzurollen und im Februar 1981 schließlich mit dem Bau des Kraftwerks zu beginnen. Der Gerichtsentscheid zieht neue Massenproteste nach sich, die jedoch wirkungslos bleiben.

Doku lebt von Authentizität der Zeitzeugen
"Das Ding auf dem Deich" lebt von der Authentizität der Zeitzeugen und des verwendeten Archivmaterials - ergänzt durch idyllische Landschaftsbilder von grasenden Schafen und wogenden Feldern, die mit Aufnahmen des bedrohlichen Kraftwerks kontrastieren. Regisseurin Antje Hubert verzichtet fast gänzlich auf Kommentare aus dem Off. Inhaltlich stehen die Auswirkungen des AKW auf den Alltag der Betroffenen und ihr vergebliches Ringen um Gerechtigkeit im Vordergrund. Trotz anhaltender Proteste geht der Meiler Ende 1986 ans Netz - fünf Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Von nun an sind die Brokdorfer gezwungen, mit dem unerwünschten Nachbarn zu leben. Ingo Karstens, Bürgermeister der Nachbargemeinde Wewelsfleth, berichtet von der zynischen Reaktion der Behörden, als er öffentlich den Krebstod seiner Frau und weiterer Anwohner mit der erhöhten Strahlenbelastung in Verbindung bringt.

Erst die Atomkatastrophe von Fukushima von 2011 bringt die Debatte um die Nutzung der Kernenergie in der deutschen Öffentlichkeit erneut in Gang. Zwar löst der Beschluss der Bundesregierung vom Juni desselben Jahres, die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke rückgängig zu machen, in der Region große Erleichterung aus. Doch der beschleunigte Atomausstieg geht den Anwohnern zu langsam vonstatten: Das AKW Brokdorf soll noch bis zum Jahr 2021 in Betrieb bleiben. Auch die ungelöste Frage nach einem Atommüll-Endlager treibt die ansässigen Atomkraft-Gegner um. Sie befürchten, dass er letztendlich dauerhaft in dem bereits vorhandenen Zwischenlager verwahrt werden und damit auch in Zukunft ein Risiko für die Region darstellen wird.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
"Das Ding am Deich - Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk"
(Dokumentation)
DE 2012
Regie: Antje Hubert
Kinostarts:
DE: 23.08.2012