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Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
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© dpa Video
Marina Abramović: "Den Tod kann man nicht beeinflussen, aber wie das Begräbnis aussehen soll, das wollte ich schon immer einmal ausprobieren."
Zuckerguss voller Wehmut
Marina Abramović inszeniert ihren Tod
Sie ist die wohl schönste Leiche der neueren Kunstgeschichte: Marina Abramović, die Primadonna der Performance-Kunst. Radikal und schonungslos - mit sich, mit ihrem Körper, mit dem Publikum. Nun lässt sie Stationen ihres Lebens, ihres Todes inzenieren: Marina Abramović spielt Marina Abramović.
"Ich bin jetzt 65 und habe beschlossen, den Tod im Leben einzuplanen", sagt die Künstlerin. "Nicht den Tod, aber das Begräbnis. Den Tod kann man nicht beeinflussen, aber wie das Begräbnis aussehen soll, das wollte ich schon immer einmal ausprobieren." Es sind gleich drei Marinas, die aufgebahrt da liegen - eine für jeden Ort, an dem sie gelebt hat: Belgrad, Amsterdam, New York. Für die Inszenierung ihres Todes hat sie nur Stars vom Himmel gepflückt: als Regisseur den Bildermagier Robert Wilson, den Meister des Lichts und des raffinierten Timings, als Mitspieler Willem Defoe, der in verschiedenste Rollen schlüpft und biografische Stationen ihres Lebens schildert.

"Zuerst fragte ich Bob Wilson, ob er das Stück über mein Leben inszenieren würde", so Abramović. "Ich gab ihm die komplette Kontrolle über das ganze Material. Er konnte verwenden, was er wollte. Das Einzige, worauf ich bestand, war Anthony. Ich wollte ihn für die Musik, niemanden sonst. Er ist für mich wie ein Engel, der auf die Erde gekommen ist. Und was er an Emotionen in das Stück bringt, ist unglaublich." Nobler ist noch niemand gestorben. Antony Hegartys Musik überzieht das Stück mit einem Zuckerguss voller Wehmut.

Totaler Körpereinsatz, irritierende Nacktheit
Lupe
Bei Marina Abramović wird der eigene Körper zum Material.
Marina Abramovićs Kindheit in Belgrad, ihre Wurzeln auf dem Balkan, den Terror der Familie - die Theaterbilder sind gruppiert um eine wirkliche Biografie, weit, weit entfernt vom radikalen Denken und Leben der radikalen Künstlerin Marina Abramović. Denn ihre Performances waren totaler Körpereinsatz, volles Risiko, irritierende Nacktheit. Der eigene Körper wird zum Material, in das man ritzen kann, den Stern des Sozialismus etwa. Alles war öffentlich. Mit ihrem Partner Ulay riskiert sie in dieser Performance ihr eigenes Leben. Der Pfeil war vergiftet.

Mit "Balkan Baroque" säubert die serbische Künstlerin auf der Biennale 1997 einen Berg voller Knochen. Und 2010, im Museum Moderner Kunst in New York, blickte sie drei Monate lang in die Augen der Besucher - 750 Stunden lang, bewegungslos. Von dieser Radikalität wird wenig spürbar im Theater des Bob Wilson. Alles ist so schön, als wäre Marina Abramovićs Leben eine Projektionsfläche. "Als ich jung war, habe ich Theater gehasst", bekennt sie. "Das war voller Falschheit, komplett künstlich, ohne Bezug zur Wirklichkeit. Theaterblut war Ketchup, und ein Messer war kein wirkliches Messer. In einer Performance ist alles real. Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich muss mich als Performance-Künstlerin nicht mehr beweisen. Aber mich interessieren andere Medien, unterschiedliche Erfahrungen mit verschiedenen Themen."

© dpa Lupe
Defoe gibt den Ton vor, schonungslos sprengt er Grenzen.
"Warum musst du dich immer verletzen?", singt Willem Dafoe und stellt die Frage nach der Grenzerfahrung in der Kunst - und im Leben. Es ist sein Abend. Er gibt den Ton vor, lenkt den Blick, schonungslos sprengt er Grenzen. "Ich mag das", sagt Defoe. "Ich will jedes Mal meinen Beruf und das, was ich tue, neu definieren. Das ist der einzige Weg, der dich davor bewahrt, korrupt zu sein und stattdessen neugierig zu bleiben, in einem Zustand von Verwunderung und kreativer Frustration, denn das Ziel bewegt sich ja immer." Marina Abramovićs Leben und Tod ist ein Stück Theater geworden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Theater
"The Life And Death Of Marina Abramović"
Theater Basel
Nächste Aufführungen: 14. und 15.06.2012