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© Museum Narrenturm Lupe
Leuchtturm des Geistes und Museum des Wahnsinns: der Narrenturm in Wien
Mystischer Kosmos
Das Narrenturm-Museum in Wien
Der Narrenturm ist das wohl absonderlichste historische Gebäude Wiens, ein Leuchtturm des Geistes und ein Museum des Wahnsinns, der das wohl größte pathologische Museum der Welt mit Präparaten aus mehr als 200 Jahren beheimatet. Die Sammlung ist schaurig, umstritten und dennoch faszinierend.
Der Narrenturm in Wien wurde vor 228 Jahren gebaut. In der gesamten europäischen Museumslandschaft ist er sicherlich die merkwürdigste Institution. In Kürze beginnt die Renovierung des Gebäudes. Seit Anfang der 1970er Jahre beheimatet es eine einzigartige Sammlung aus mehr als 50.000 Humanpräparaten - ein Kosmos, der sich von der Bedeutung der Transparenz des Körpers bis hin zur Provokation des dezenten Grauens spannt.

Nur Gesundes, Glückliches, Junges
"Ich finde, dass die Sammlung und das Gebäude eine enorme Symbiose bilden", sagt Beatrix Patzak, Museumsdirektorin und Medizinerin. "Es ist zusammengewachsen. Ich glaube, dass es schwer zu trennen ist. Beides gemeinsam ist ein sehr starkes Symbol. Man kann sogar sagen: ein Mahnmal für unsere Gesellschaft, in der jeder von uns einmal sterben wird und jeder von uns jederzeit krank werden kann. Das ist für unsere Gesellschaft das Fürchterlichste schlechthin. Wir haben Krankheit und Tod ausgebootet, weggedrückt. In unserer Gesellschaft gibt es nur Gesundes, Glückliches, Junges." Im Museum bewegen wir uns durch den eigenen Albtraum, ein Albtraum, der bestenfalls auch daran erinnert, dass der aktuelle Gesundheitswahn nur ein Symptom der Angst ist. Krankheit wird heute nur mehr als Negativerscheinung gesehen und ist ein Bild für Schwäche, für das nicht mehr Dazugehören. Krankheit gehört nicht mehr zum menschlichen Leben.

"Wir haben nichts ausgerottet, wir haben schon gar nichts besiegt", sagt Beatrix Patzak. "Das ist eine Farce, die wir in unserer Präpotenz versuchen zu kolportieren. Aber es gibt extrem viele Erkrankungen, denen wir überhaupt nichts entgegensetzen können, die wir ganz und gar nicht besiegt haben, nur sehen wir sie nicht mehr. Wir sind im Krankenhaus oder in anderen Institutionen weggesperrt. Wenn ich durch die Gänge gehe und überlege, welche Krankheit es nicht gibt, weiß ich nur eine, und das sind die Pocken." Sind wir also doch vom Geheimnis des langen Lebens noch unendlich weit entfernt?

Kunst, Medizin, Mystizismus
Der Hunger nach fantasmatischen Körperbildern, die "Schaulust", ist ungebrochen. Die Besucherzahlen wachsen stetig. Die Präparate aus zwei Jahrhunderten erzählen auch von einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Medizin und Kunst, Medizin, Natur und Mystizismus fließend waren, und die noch reich war an abnormen, entstellten Körpern. "Wir haben entmystifiziert", sagt Patzak. "Wir akzeptieren diesen mystischen Teil unserer Medizin nicht mehr. Das ist aber der Ursprung beider Institutionen, dem Narrenturm und der Präparate."

Der Narrenturm gleicht einem überdimensionalen Mondkalender: Fünf Stockwerke mit jeweils 28 Einzelzimmern, das entspricht ungefähr den Tagen einer Umkreisung des Mondes um die Erde. Im Dach des Gebäudes war einst ein Oktogon angelegt. Zahlenmystik und Alchemie bestimmen die Architektur. Als Kaiser Franz Joseph II. im Jahr 1784 das erste "Irrenhaus" der Welt bauen ließ, scheint östliche Mystik eingeflossen zu sein. "Wenn Sie das von oben anschauen, dann sieht das Ganze wie ein Rad aus, wie das Rad einer Maschine. Man kann sich das vorstellen wie ein Zahnrad, das in die Mechanik des Kosmos eingreift. Dass sich durch diese mechanische Form die kosmische Ordnung in den Geist überträgt."

Meilenstein des medizinischen Fortschritts
Mit der Unterbringung der psychisch Kranken in den ringförmig angelegten Zellen stellte das Gebäude zu seiner Zeit einen Meilenstein im medizinischen Fortschritt dar. Die große Sammlung von Leichenteilen, die er beherbergt, hat in den letzten Jahren eine neue medizinische Bedeutung als Spurenträger künftigen Wissens erhalten. Wenn man genau hinschaut, geht es nicht um Faszination und Ekel, dann wird jedes Präparat wieder zum Menschen. "Das wirklich Wichtige ist, dass der Bestand der Sammlung im Haus weiter gewährleistet wird", sagt der Historiker und Künstler Alfred Stohl. "Es ist eine eigenartige Mischung aus einem Ort, wo man sich wirklich weiterbilden kann, und einem Kunstwerk, wo die magisch aufgeladene Geometrie möglicherweise weiter wirksam ist." "Hier ist der Ort, an dem sich der Tod freut, dem Leben zu helfen", steht über einem Torbogen am Eingang. Wer den Narrenturm wieder verlässt, hat sich mit der eigenen Vergänglichkeit beschäftigt. Das geht auch ohne Show, Schock und Überwältigung. In einer Gesellschaft, die sich schleichend in einer Abstumpfungskultur eingerichtet hat, ist das ein Schatz.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr