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Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© Old Street Films Lupe
Der Journalist Thet Sambath (rechts) hat das erste Interview mit Nuon Chea links), dem Chefideologen der Roten Khmer, geführt.
Die Gräuel der Roten Khmer
Der Dokumentarfilm "Enemies of the People"
Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Terrorherrschaft der Roten Khmer (1975-1979) hat im November 2011 in Kambodscha der Prozess gegen drei noch lebende Führungsmitglieder des Pol Pot-Regimes begonnen. Die Anklage lautet: Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zwei Millionen Menschen sind dem Regime zum Opfer gefallen.
Der einstige Folterchef der Roten Khmer, Kaing Guek Eav alias Duch, ist in einem Berufungsprozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein Sondergericht in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh erhöhte damit am 3. Februar 2012 das Strafmaß gegen ihn aus einem früheren Prozess. Der kambodschanische Journalist Thet Sambath hat seine Eltern während des Genozids verloren und es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die grausigen Geschehnisse aufzuarbeiten. Gemeinsam mit dem britischen Filmemacher Rob Lemkin hat er den Dokumentarfilm "Enemies of the People" produziert, der nun erstmals als DVD erscheint.

Keine Aufarbeitung, keine Versöhnung
© Old Street Films Lupe
Thet Sambath ist stets auf der Suche nach der Wahrheit.
Kambodscha ist 33 Jahre nach dem Terror der Roten Khmer und den "Killing Fields" ein zerrissenes Land. Die düstere Vergangenheit, über die Jahrzehnte lang nur wenig gesprochen wurde, dringt langsam an die Oberfläche. Doch es gibt keine Aufarbeitung, keine wirkliche Versöhnung. Die Wunden sind immer noch tief. Tausende wurden zu Mördern in einem unmenschlichen System. Viele der Täter leben heute unerkannt als Teil der Gesellschaft - verschwiegen und häufig von der Last ihrer Erinnerungen erdrückt. "Ich habe an meinen Händen gerochen und sie rochen nach Blut", sagt Khuon, ein Täter. "Der Gestank auf den Killing Fields war einfach schrecklich. Es war noch schlimmer als der Geruch von Büffelfleisch. Aber wir mussten immer weitermachen."

In seinem Film "Enemies of the People" erzählt der kambodschanische Journalist Thet Sambath eine Seite der Geschichte, die so noch nicht gehört wurde: Er interviewt Täter, die offen über ihre Vergangenheit reden. Seit mehr als zehn Jahren sucht Sambath nach Antworten. Er hat Täter immer wieder aufgesucht, ihr Vertrauen gewonnen und sie überzeugen können, ihre Wahrheit der Nachwelt zu erhalten. Mit dem britischen Filmemacher Rob Lemkin hat er Fragmente aus tausenden Interviewstunden zu einem erschütternden Dokument verarbeitet. "Wir haben erreicht, dass sich die aktiven Täter zu öffnen beginnen", sagt Rob Lemkin. "Die Entscheider von dem, was zu tun war, welche Menschen umgebracht werden sollten, welche Aktionen durchgeführt werden könnten, warum man sich so oder so verhält. Natürlich war es die Effektivität von Pol Pot, die rücksichtslose und fürchterliche Effektivität von Pol Pot und Nuon Chea, die dazu führte, dass Tausende hingerichtet wurden." Thet Sambath sagt: "Wir wussten nicht, wer das Land zu der Zeit kontrolliert hat. Wir wussten nur von den Khmer Krahom. Auf Englisch: Khmer Rouge."

Egalitärer Bauernstaat für den neuen Menschen
Das Ziel der Roten Khmer war die grundlegende Revolution der Gesellschaft, einen egalitären Bauernstaat für den neuen Menschen zu schaffen. In einem paranoiden Feldzug gegen das eigene Volk starben 1,7 Millionen Kambodschaner. Die Herrschaft der Roten Khmer ist eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts. "Da waren nur zwei Männer an der Spitze der Khmer Rouge", erklärt Thet Sambath. "Pol Pot, den sie Bruder Nummer Eins nannten. Und Nuon Chea, Bruder Nummer Zwei."

Nuon Chea ist inzwischen 85 Jahre alt. Er war der Architekt, der Chefideologe des kambodschanischen Kommunismus'. Die Interviews im Dokumentarfilm sind das erste Zeugnis, in dem ein führendes Parteimitglied die Ermordung politischer Gegner eingesteht. "Sie wurden getötet und vernichtet", sagt er. "Wenn wir sie am Leben gelassen hätten, wäre die Partei in Gefahr gewesen. Sie waren Volksfeinde." Thet Sambath will von ihm wissen: "Was haben Sie von Pol Pots Entscheidung gehalten, alle Verräter umzubringen?" Nuon Chea sagt dazu: "Ich habe zugestimmt. Ich wollte das Problem gelöst haben. Und es war die richtige Lösung."

Hauptangeklagter vor dem internationalen Tribunal
© Old Street Films Lupe
Nuon Chea (r.) wird vor dem internationalen Tribunal in Kambodscha angeklagt.
2009 wird Nuon Chea verhaftet. Heute steht er als Hauptangeklagter vor dem internationalen Tribunal in Kambodscha. Die Anführer der Roten Khmer sollen endlich für ihre Taten verantwortlich gemacht werden. Doch dort bekennt Nuon Chea nicht mehr als nötig. Vor Gericht entsteht eine ganz eigene andere Version der Wahrheit als im Film. Der Jurist und Soziologe Werner Gephart, Direktor des Käte Hamburger Kollegs "Recht als Kultur", erklärt: "Das bloße Wissen um die Wahrheit bedeutet nicht zugleich auch, dass eine bestimmte rechtliche Entscheidung erfolgen muss." Das müsse nicht mit Gerechtigkeitsideen in Konflikt stehen, sondern könne auch Ausdruck einer Verfahrensgerechtigkeit sein, so Gephart.

Die Ankläger des Tribunals würden die Interviews nur zu gern als Beweis verwenden - selbst wenn nicht klar ist, ob die Aussagen vor Gericht auch Bestand hätten. Doch Thet Sambath und Rob Lemkin haben die Herausgabe des Materials verweigert. Sie fürchten, dass Täter in Zukunft nicht mehr offen sprechen würden, sollten sie deshalb selbst vor Gericht landen. "Einem Gericht geht es darum, Schuld festzustellen", meint Lemkin." Das unterscheidet sich von der historischen Aufarbeitung, wo es darum geht zu verstehen, das Rohmaterial der Geschichte zu erhalten, sodass sich Menschen ihre eigene Meinung und ihr eigenes Verständnis von dem bilden können, was geschehen ist."

Thet Sambath will von Nuon Chea im Interview wissen: "Warum hat es drei Jahre gedauert, bis Sie mir die Wahrheit über die Hintergründe der Massenmorde erzählt haben?" Nuon Chea erklärt: "Ich musste sehr vorsichtig sein mit dem, was ich sage. Aber dir, Thet Sambath, habe ich mich Schritt für Schritt geöffnet. Ich musste meine Worte abwiegen und konnte nicht gleich alles erzählen. Meine Zukunft hängt schließlich davon ab, was hier aufgezeichnet wird." "Ich möchte wissen, wie du Menschen mit einem Messer umgebracht hast", sagt Sambath. "Hilf mir bitte es zu verstehen und zeige mir, wie du es gemacht hast.“

Details müssen verstanden werden
© Old Street Films Lupe
Suon erklärt, wie er Menschen umgebracht hat.
Es sind Aussagen wie die von Suon, die in Kambodscha ein Vakuum füllen. Zur Aufarbeitung der Geschichte müssen Details des Genozids verstanden werden: Einzelheiten, die heute nur noch die Täter bezeugen können. Der Täter Suon erklärt im Film, wie er Menschen getötet hat: "Du hältst sie so, damit sie nicht schreien können. Manchmal musste ich es auch anders machen, weil meine Hand davon weh tat, so viele Kehlen durchzuschneiden. Ich habe dann zur Abwechslung in den Nacken gestochen." Werner Gephart sagt: "Die juristische Auseinandersetzung ist eine Ebene mit ihrer eigenen Logik. Die Transformation der Erfahrung in Theater, Musik, Romanhafte Erzählungen ins Narrative, wie es im Dokumentarfilm geschieht. Es ist eine Geschichte, die erstmal erzählt wird, mit einem Höhepunkt, und die auch ihre eigene Logik aufweist, die aber nicht unbedingt die Logik des Gerichts ist."

Recht und Wahrheit sind die entscheidenden Fixpunkte auf dem Weg zur Versöhnung. Tribunal und Film nähern sich ihnen jedoch von unterschiedlichen Seiten. Im Idealfall entfalten beide ihre Wirkung gemeinsam.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
DVD
© Old Street FilmsLupe"Enemies of the People"
USA Kambodscha 2009
Regisseure: Rob Lemkin, Thet Sambath
Old Street Films
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