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Kulturzeit heute
20. Mai 2013
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Moderation
Ernst A. Grandits
Sein kulturelles Interesse ging immer schon weit über den Fernsehbereich hinaus: "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit - und beiden die Kulturzeit", sagt Ernst A. Grandits.
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© dpa Lupe
Die Millionensummen für seine Werke hält er für unanständig: Gerhard Richter.
Maler der rätselhaften Schönheit
Gerhard Richter wird 80
Einer der größten Maler der Gegenwart ist sehr scheu. Die Millionensummen für seine Werke hält Gerhard Richter für unanständig und seine Bilder für klüger als sich selbst. Schon die ersten, nach Fotovorlagen gemalten Werke entstanden aus dem Zweifel daran, dass Ansicht auch schon Einsicht bedeute, so Richter. Den weiten Weg vom Sehen zum Begreifen durchmisst der am 9. Februar 1932 geborene Künstler seit fünf Jahrzehnten mit jeder Arbeit neu.
Das Leben ist eine Geisterstunde - und Schönheit nichts als eine Vorstellung. Der Mensch, was kann er sein, was soll er tun? Die Kunst des Gerhard Richter simuliert Trost und kennt keine Antwort. "Man kann sich nichts dabei denken", sagte Richter schon in den 1960er Jahren. "Denn Malen ist eine andere Form des Denkens. Das wäre genauso, als wenn man Einstein fragt: 'Was denken Sie sich, wenn Sie Gleichungen machen?' Der denkt sich nichts dabei, der rechnet."

© dpa Lupe
Das Dresdner Albertinum zeigt Richters Ideen-Archiv.
Gerhard Richter forscht an den Grenzen der Malerei. Er arbeitet altmeisterlich, präzise und mit philosophischem Witz. "Arbeiten Sie mit 80 jetzt anders als mit 60 oder mit 50?", wurde er bei der Pressekonferenz im Dresdner Albertinum gefragt. "Aber ja", sagte er lachend: "Weniger zum Beispiel!" In Dresden präsentierte der scheue Künstler den "Atlas", sein Ideen-Archiv.

Viele Bilder selbst vernichtet
Richter ist der teuerste zeitgenössische Maler der Welt. Der Branchendienst Artnet hat für 2010 den Gesamt-Auktionsumsatz von Werken Richters mit 76,9 Millionen Dollar angegeben. Das ist mehr, als jeder andere lebende Künstler erzielte. Es herrscht Aufregung, weil nun bekannt wurde, dass Richter in den 1960er Jahren viele seiner Bilder selbst vernichtet hat. "Es ist etwas ganz Selbstverständliches, dass man Fehler macht und sie dann irgendwie weg bringt", so der Künstler. In den Müll wanderten unter anderem das "Zahme Känguruh", ein Schlachtenbild als Comic-Strip und ein Porträt von Hitler, drei von etwa 60 Fotogemälden, die zusammen heute eine halbe Milliarde Euro wert wären. Doch der Perfektionist war schon damals gnadenlos. "Was stört Sie an diesem Hitlerbild?", wurde Richter einst von einem TV-Reporter gefragt. Und er antwortete: "Es ist zwar ein interessantes Bild, aber ich finde es nicht gut." Hängt das mit seinen Hemmungen zusammen, politisch relevante Inhalte zu malen, will der Reporter wissen. "Ja, weil ich die Gefahr sehe, dass die Bilder sehr schnell interessant werden, was aber nichts mit der Qualität der Bilder zu tun hat. Politisch wirksam kann man anders besser sein als mit Bildern."

© dapd Lupe
Das Bild "Strip" ist in der Ausstellung "Panorama" zu sehen.
Was ist das überhaupt, ein Bild? Richter reduziert bis zur Essenz. Die Farbe, ihre Abstufungen, Verläufe - virtuos arbeitet er in allen Genres, fotografiert in Sils Maria für ein Buch mit Dezember-Geschichten von Alexander Kluge. Doch nicht einmal vor ihm macht Richters Anspruch halt. "Er ist sehr streng", sagt Kluge. "Er nimmt nicht einfach einen literarischen Text von mir an, den ich mühselig geschrieben habe. Sondern, dann sagt er: 'Das passt nicht. Dafür gebe ich mein Bild nicht her.' Und dann korrigiert er. Das ist schlimmer als in der Schule. Er ist sehr streng mit sich, sehr streng mit anderen."

"Kapitalistischer Realismus"
Und Richter hat Humor. Anfangs tritt er zusammen mit Sigmar Polke gegen die US-amerikanischen Popart-Mächte um Andy Warhol an. "Kapitalistischer Realismus" heißt ihr Programm. 1961 war Richter aus der DDR nach Düsseldorf geflohen. Er beginnt damit, Zeitschriftenausschnitte abzumalen. "Er hat zu einem Zeitpunkt seine Karriere gestartet, als die Malerei sich selbst in Frage gestellt hat", sagt Ulrich Wilmes, Kurator am Münchner Haus der Kunst, wo 2009 Richters abstrakte Gemälde gezeigt wurden. "Es war der Zeitpunkt, an dem alle Bilder, die es gibt, gemalt worden sind und die Malerei am Rand ihrer eigenen Entwicklung angekommen war."

© dapd Lupe
Die Installation "4900 Farben" wird in der Neuen Nationalgalerie gezeigt.
Richter interessiert sich für Schnappschüsse, die Dynamik des Zufalls, und malt fotografisch. Er dreht den Experimental-Film "Volker Bradke", in dem er mit der Unschärfe spielt, die sein Erkennungszeichen werden soll. Mit "Ema" zitierte Richter den berühmten "Akt, eine Treppe herabsteigend" von Duchamp, der damit wiederum der Malerei einen Schlussauftritt gemalt hatte. Das Zitat vom Ende wird zum Anfang. "Malen ist nicht nur ein ästhetisches Problem", sagte Richter schon in den 1960er Jahren. "Es geht nicht nur darum, schöne Bilder zu malen, was vielleicht gar nicht so schwer ist.“

Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte
Ulrike Meinhof malt Richter als junges Mädchen - ein reiner Mensch, ein Trauerbild. Richter hat, so sagte er 1988 von sich selbst, "die verzweifelte Hoffnung, dass man es, indem man es wiederholt und wieder darstellt, begreifbarer machen kann, umgänglicher oder erträglicher." In seinen Arbeiten hat er sich intensiv mit der deutschen Geschichte und seiner eigenen Familie auseinandergesetzt.

Dann gibt es noch die abstrakten Bilder: Sie sind ein Nachdenken über das Sehen und die Wahrnehmung, zeigen Einsamkeit und Gewalt. "Solche Werke sprechen", sagt Alexander Kluge. "Sie sprechen nur nicht verbal. Richter erweitert unsere Sprache zur Musik hin und zu - ich will noch nicht mal sagen Bildern - sondern zu einer anderen Art der Erzählung." Richter selbst interessiert sich, so sagt er selbst, "nur für das, was ich nicht kapiere. So geht es mir mit jedem Bild. Ich finde die Bilder schlecht, die ich begreifen kann." Dem tosenden Wesen der Welt begegnet er mit Schönheit. Das war sein Wagnis - und das ist seine Größe.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
ARD-Mediathek
Der Beitrag von Andreas Krieger
Ausstellungen
"Gerhard Richter - Panorama"
Neue Nationalgalerie, Berlin
12.02. bis 13.05.2012

"18. Oktober 1977"
Alte Nationalgalerie, Berlin
12.02. bis 13.05.2012

"Gerhard Richter - Editionen 1965-2011"
me Collectors Room, Berlin
12.02. bis 13.05.2012

"Atlas"
Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden
Bis 22.04.2012
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