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Die Millionensummen für seine Werke hält er für unanständig: Gerhard Richter.
Maler der rätselhaften Schönheit
Gerhard Richter wird 85
Er ist einer der größten Maler der Gegenwart - und sehr scheu. Die Millionensummen für seine Werke hält Gerhard Richter für unanständig und seine Bilder für klüger als sich selbst. Am 9. Februar 2017 wird er 85 - und arbeitet noch immer fast jeden Tag in seinem Atelier in Köln.
Schon die ersten, nach Fotovorlagen gemalten Werke entstanden aus dem Zweifel daran, dass Ansicht auch schon Einsicht bedeute, so Richter. Den weiten Weg vom Sehen zum Begreifen durchmisst der 1932 in Dresden geborene Künstler seit mehr als fünf Jahrzehnten mit jeder Arbeit neu.

Das Leben ist eine Geisterstunde - und Schönheit nichts als eine Vorstellung. Der Mensch, was kann er sein, was soll er tun? Die Kunst des Gerhard Richter simuliert Trost und kennt keine Antwort. "Man kann sich nichts dabei denken", sagte Richter schon in den 1960er Jahren. "Denn Malen ist eine andere Form des Denkens. Das wäre genauso, als wenn man Einstein fragt: 'Was denken Sie sich, wenn Sie Gleichungen machen?' Der denkt sich nichts dabei, der rechnet."

Gerhard Richter forscht an den Grenzen der Malerei. Er arbeitet altmeisterlich, präzise und mit philosophischem Witz. "Arbeiten Sie mit 80 jetzt anders als mit 60 oder mit 50?", wurde er 2012 bei der Pressekonferenz im Dresdner Albertinum gefragt, wo er den "Atlas", sein Ideen-Archiv präsentierte. "Aber ja", sagte er und lachte: "Weniger zum Beispiel!"

Viele Bilder selbst vernichtet
© dapd Richters Werk ist vielfältig: "Strip" (2011).
Richters Werk ist vielfältig: "Strip" (2011).
Im Ranking "Kunstkompass" wurde Richter 2016 zum wiederholten Mal als wichtigster Künstler weltweit geführt. In Veröffentlichungen wird er mitunter zu den reichsten Deutschen gerechnet, was er aber vehement bestreitet. Vermögend ist er natürlich, auch wenn er von den Rekordpreisen, die bei Auktionen für seine Bilder gezahlt werden, nicht direkt profitiert. Denn dabei handelt es sich durchweg um ältere Bilder, die schon durch mehrere Hände gegangen sind. Als bekannt wurde, dass Richter in den 1960er Jahren viele seiner Bilder selbst vernichtet hat, herrschte Aufregung in der Kunstwelt. "Es ist etwas ganz Selbstverständliches, dass man Fehler macht und sie dann irgendwie weg bringt", so der Künstler. In den Müll wanderten unter anderem das "Zahme Känguruh", ein Schlachtenbild als Comic-Strip und ein Porträt von Hitler, drei von etwa 60 Fotogemälden, die zusammen heute eine halbe Milliarde Euro wert wären.

Doch der Perfektionist war schon damals gnadenlos. "Was stört Sie an diesem Hitlerbild?", wurde Richter einst von einem TV-Reporter gefragt. Und er antwortete: "Es ist zwar ein interessantes Bild, aber ich finde es nicht gut." Hängt das mit seinen Hemmungen zusammen, politisch relevante Inhalte zu malen, will der Reporter wissen. "Ja, weil ich die Gefahr sehe, dass die Bilder sehr schnell interessant werden, was aber nichts mit der Qualität der Bilder zu tun hat. Politisch wirksam kann man anders besser sein als mit Bildern."

Was ist das überhaupt, ein Bild? Richter reduziert bis zur Essenz. Die Farbe, ihre Abstufungen, Verläufe - virtuos arbeitet er in allen Genres, fotografiert in Sils Maria (Engadin) für ein Buch mit Dezember-Geschichten von Alexander Kluge. Doch nicht einmal vor ihm macht Richters Anspruch halt. "Er ist sehr streng", sagt Kluge. "Er nimmt nicht einfach einen literarischen Text von mir an, den ich mühselig geschrieben habe. Sondern, dann sagt er: 'Das passt nicht. Dafür gebe ich mein Bild nicht her.' Und dann korrigiert er. Das ist schlimmer als in der Schule. Er ist sehr streng mit sich, sehr streng mit anderen."

"Kapitalistischer Realismus"
Und Richter hat Humor. Anfangs tritt er zusammen mit Sigmar Polke gegen die US-amerikanischen Popart-Mächte um Andy Warhol an. "Kapitalistischer Realismus" heißt ihr Programm. 1961 war Richter aus der DDR nach Düsseldorf geflohen. Er begann damit, Zeitschriftenausschnitte abzumalen. "Er hat zu einem Zeitpunkt seine Karriere gestartet, als die Malerei sich selbst in Frage gestellt hat", sagt Ulrich Wilmes, Kurator am Münchner Haus der Kunst, wo 2009 Richters abstrakte Gemälde gezeigt wurden. "Es war der Zeitpunkt, an dem alle Bilder, die es gibt, gemalt worden sind und die Malerei am Rand ihrer eigenen Entwicklung angekommen war."

© dapd Die Installation "4900 Farben" (2007)
Die Installation "4900 Farben" (2007)
Richter interessiert sich für Schnappschüsse, die Dynamik des Zufalls, und malt fotografisch. Er dreht den Experimental-Film "Volker Bradke", in dem er mit der Unschärfe spielt, die sein Erkennungszeichen werden soll. Mit "Ema" zitierte Richter den berühmten "Akt, eine Treppe herabsteigend" von Duchamp, der damit wiederum der Malerei einen Schlussauftritt gemalt hatte. Das Zitat vom Ende wird zum Anfang. "Malen ist nicht nur ein ästhetisches Problem", sagte Richter schon in den 1960er Jahren. "Es geht nicht nur darum, schöne Bilder zu malen, was vielleicht gar nicht so schwer ist."

Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte
Ulrike Meinhof malt Richter als junges Mädchen - ein reiner Mensch, ein Trauerbild. Richter hat, so sagte er 1988 von sich selbst, "die verzweifelte Hoffnung, dass man es, indem man es wiederholt und wieder darstellt, begreifbarer machen kann, umgänglicher oder erträglicher." In seinen Arbeiten hat er sich intensiv mit der deutschen Geschichte und seiner eigenen Familie auseinandergesetzt.

Dann gibt es noch die abstrakten Bilder: Sie sind ein Nachdenken über das Sehen und die Wahrnehmung, zeigen Einsamkeit und Gewalt. "Solche Werke sprechen", sagt Alexander Kluge. "Sie sprechen nur nicht verbal. Richter erweitert unsere Sprache zur Musik hin und zu - ich will noch nicht mal sagen Bildern - sondern zu einer anderen Art der Erzählung." Richter selbst interessiert sich, so sagt er selbst, "nur für das, was ich nicht kapiere. So geht es mir mit jedem Bild. Ich finde die Bilder schlecht, die ich begreifen kann." Dem tosenden Wesen der Welt begegnet er mit Schönheit. Das war sein Wagnis - und das ist seine Größe.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
ARD-Mediathek
© dpaDer Künstler als Brückenbauer
Der WDR-"Lokalzeit"-Beitrag vom 09.02.2017 in der ARD-Mediathek
Ausstellungen
© Gerhard Richter 2016 Rheinisches Bildarchiv KoelnLupe"Gerhard Richter: Neue Bilder"

Museum Ludwig, Köln
09.02. bis 01.05.2017

Albertinum, Dresden
20.05. bis 27.08.2017

Zu Gerhard Richters Geburtstag zeigt das Museum Ludwig 26 Bilder, die der Künstler alle erst 2016 gemalt hat. Ergänzt werden die abstrakten Gemälde von 30 Arbeiten aus der Museumskollektion.