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Kulturzeit heute
27. Mai 2016
Moderatoren
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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Roland Emmerich macht sich auf die Spurensuche von William Shakespeare.
Vergesst Shakespeare!
Roland Emmerichs Film "Anonymus"
Nie wieder Katastrophenfilme, hat Roland Emmerich nach seinem Weltuntergangsspektakel "2012" versprochen. Daran gehalten hat er sich nur teilweise. Denn insgeheim hofft Deutschlands berühmtester Katastrophenfilmer mit seinem neuen Streifen "Anonymus" die literarische Welt zu erschüttern und ihren größten Säulenheiligen zu stürzen. Seine These: Shakespeare mag vieles gewesen sein, aber gewiss kein Dichter.
Die Enttarnung Shakespeares als Hochstapler - das dürfte nicht jedem Anglistik-Professor schmecken. "Diese Professoren haben ihr ganzes Leben lang damit verbracht, Bücher zu schreiben über den Mann von Stratford", sagt Roland Emmerich. "Jetzt kommen wir daher und sagen: Nein, das war ein ganz anderer. Klar sind die sauer. Das ist ihr Lebenswerk. Da würde ich auch sauer sein. In gewissem Sinne ist das wie ein Priester, der plötzlich gegen Ende seines Lebens merkt: Es gibt keinen Gott."

Zweifel an Shakespeares Autorenschaft
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Wer war der große Poet?
Emmerich weiß sich mit dieser "Gotteslästerung" in guter Gesellschaft - ob Bismarck oder Orson Welles, Charlie Chaplin oder Sigmund Freud: Sie alle glaubten nicht an Shakespeares Autorenschaft. Mark Twain, der alte Spötter, hat der Suche nach dem Shakespeare-Code sogar sein letztes Buch gewidmet. "Shakespeares Werk wurde nicht von Shakespeare geschrieben, sondern von einem anderen Dichter gleichen Namens", heißt es da.

Woher aber kommen nur all die Zweifel am armen William? Zu seinem Geburtshaus nach Stratford pilgern schließlich Jahr für Jahr Tausende gutgläubige Besucher. Alles ein großer Bluff? Fakt ist: Wir wissen so gut wie nichts über den Mann. Keines seiner Werke ist handschriftlich überliefert. Nur sein Testament ist erhalten. Darin vermacht er seiner Frau sein "zweitbestes Bett", erwähnt aber kein einziges Buch, geschweige denn eigene Werke. Seine Frau und die beiden Töchter waren Analphabeten. Er selbst hat als Zwölfjähriger die Lateinschule verlassen. Sollte das reichen, um den "Hamlet" zu schreiben? "William Shakespeare ist im 19. Jahrhundert zum Hero der 'Working Class' geworden", so Emmerich. "Die Arbeiter haben gesagt: 'Guck mal, du brauchst keine große Schule, aber wenn du brav und fleißig bist, dann kannst du vielleicht auch mal so groß werden wie William Shakespeare.' Das ist natürlich Blödsinn."

War der Earl of Oxford der Autor?
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Emmerich hat den Film gerade auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.
Im London jener Jahre war das Theater eine heikle Angelegenheit. Schließlich herrschte Zensur. Da kam ein versoffener Provinz-Schauspieler wie William Shakespeare gerade recht - um dem echten Autor als Strohmann zu dienen. Nur - wer soll die Stücke dann geschrieben haben? Sir Francis Bacon galt lange als heißester Kandidat. Aber auch Christopher Marlowe, Ben Johnson, selbst Queen Elizabeth wurden schon ins Spiel gebracht. Emmerich hat sich für den Earl of Oxford entschieden. "Für mich macht der Earl of Oxford am meisten Sinn, weil er ein Renaissance-Allround-Genie war." Der Earl hat die nötige Bildung genossen und ist weit gereist. Viele Schauplätze aus Shakespeares Dramen hat er nachweislich besucht.

Nur - einen Haken hat die schöne Theorie doch: Der Earl starb schon 1604. Lange bevor die letzten Shakespeare-Dramen überhaupt geschrieben waren. "Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass der Mann aus Stratford nicht der Autor war", sagt Emmerich. "Ich könnte aber nicht mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dass Oxford der Autor war." Den Fall Shakespeare wird auch Roland Emmerich nicht endgültig klären. Seinem Film schadet das nicht. "Anonymous" ist ein opulentes Historiengebräu: angerührt aus Intrigen, Inzest und Mord, garniert mit zahlreichen Zitaten und historischen Anspielungen. Ein Shakespeare hätte seine wahre Freude daran gehabt. Wer auch immer das gewesen sein mag.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
© SonyLupe"Anonymus"
DE, GB 2011
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Sebastian Armesto u.a.
Kinostarts:
DE, CH: 10.11.2011
AT: 11.11.2011