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Brad Pitt spielt die Hauptrolle in Malicks Epos.
Brad Pitt spielt die Hauptrolle in Malicks Epos.
Zwiegespräch mit Gott
Terrence Malicks "The Tree Of Life"
Gewöhnliche Filme haben eine Handlung und mitunter auch ein Happy End. Doch Terrence Malicks "The Tree Of Life" ist kein gewöhnlicher Film. Er hat nicht einmal eine richtige Story. Und das ist so gewollt. Es gibt allenfalls eine Figurenkonstellation: drei Söhne, eine gütige Mutter, ein strenger Vater. Es geht um Vater und Mutter als Lebensprinzipien, Natur und Kultur. Das ist der Konflikt. Dialoge - nebensächlich.
Mit großer Beiläufigkeit dringen Worte nur mühsam oder gar nicht durch die Geräuschkulisse. Wer anderes als Terrence Malick traut sich an dieses irrwitzige Projekt? Der Regisseur ist das wohl berühmteste Phantom Hollywoods. In Cannes bekam er gerade die Goldene Palme für "The Tree Of Life" - in Abwesenheit. Es gibt nur wenige Fotos von ihm. Aber jeder will mit ihm arbeiten. Gibt es das Phantom überhaupt? "Es gibt ihn wirklich", sagt Brad Pitt, der die Hauptrolle in "The Tree Of Life" spielt. "Er liebt zum Beispiel die Komödie 'Zoolander', und Will Farell-Filme. Er ist echt ein netter Kerl." Ist er einfach scheu? Oder ist ihm alles egal? "Nein", antwortet Pitt, "er ist überhaupt nicht elitär. Er will nicht überheblich sein. Er mag einfach nicht das Rampenlicht und den ganzen Rummel."

Eher Meditation als Film
Seit seinem ersten Film "Badlands" von 1973 wird Malick kultisch verehrt. "The Tree Of Life" ist eher eine Meditation als ein Film. Traumbilder, Erinnerungsfetzen, Malick zeigt die Welt mit den Augen eines Kindes. Das Kind heißt Jack und wird unglaublich intensiv gespielt vom jungen Hunter McCracken. Jacks kleiner Kosmos spiegelt sich im großen Universum. Der Urknall und die Seelenpein eines Jungen in einem texanischen Kaff stehen gleichwertig nebeneinander. Wie Malick diese Parallele komponiert, ist wirklich groß. Die großen Fragen werden hier bildgewaltig durchbuchstabiert. Bei Malick ist die Welt ebenso schrecklich wie schön. Und ihre Schönheit ist immer schon vergiftet.

© ap Brad Pitt als junger Familienvater in "The Tree Of Life"
Brad Pitt als junger Familienvater in "The Tree Of Life"
Eigentlich ist Terrence Malick Philosoph. Er lehrte am legendären MIT. Dann drehte er zwei epochale Filme - und verschwand für 20 Jahre. Kein Film, kein Lebenszeichen, nichts. Manche behaupten, er sei einmal im Schwarzwald gewesen, in der Hütte des Philosophen Martin Heidegger. Malicks Filme sind getränkt von dessen Philosophie, vom Versuch, den Menschen vom Sein her zu begreifen - als In-der-Welt-sein. Heideggers Denkfiguren sind elliptisch, so wie Malicks Filme. Mit seiner Philosophie stieß Heidegger an die Grenze des Sagbaren. Malick sucht Bilder für das Nicht-Sagbare. Er gibt keine Antworten, sondern stellt Fragen. Und dies tut er, indem er assoziativ Bezüge herstellt. Das ist ebenso kühn wie grandios. "Der Film ist experimentell", sagt Brad Pitt. "Es gibt keine logische Abfolge von Ereignissen. Aus A und B folgt C. An diese Art von Logik klammern sich andere Filme. Doch dieser Film löst eher Erinnerungen aus."

Ist es wahr, dass der Stärkere überlebt? Hatte Darwin Recht? Oder die Bibel? Wie kommt das Böse in die Welt? Dem Film ist ein Bibelzitat vorangestellt. "The Tree Of Life" ist ein Gebet. Immer wieder blickt die Kamera zum Himmel. Es ist ein Zwiegespräch mit Gott, mit dem Gott des Alten Testaments, dem Gott Hiobs, der ungerecht ist und zornig. Die bohrenden Fragen der Menschheit werden von irgendwoher geflüstert. Ist "Tree Of Life" ein religiöser Film? Ja, aber wenn Malick den ungerechten Vater mit einem ungerechten Gott gleichsetzt, ist er geradezu blasphemisch.

"Akzeptieren, dass wir manches nicht begreifen"
"Es geht um die Rätsel des Lebens und die Konstanten unseres Daseins", so Pitt. "Wir versuchen, Dinge zu verstehen, und trösten uns mit Religion oder mit dem Jenseits. Aber wir sollten es einfach akzeptieren, dass wir manches nicht begreifen. Und sehen, wie viel Schönheit darin liegen kann, nicht zu verstehen. Verleidet wird es einem mitunter durch eine unerträgliche Musiksoße, die selbst erklärte Malick-Fans verstimmt. Ein guter Film ist wie ein Konzert. Ein falscher Ton kann alles ruinieren. Und diese klischeehafte Musik übertönt den Zweifel und die Vieldeutigkeit, banalisiert die Bilder. Die Tiefe wird erdrückt vom Pathos. Das Phantom hat sich verrannt - zuviel Oper. Schade.

Und das Phantom? In seinem ersten Film "Badlands" von 1973 haben wir es aufgespürt. Darin gab Malick sich selbst eine kleine Rolle, die alles schon erahnen lässt. Da ist der skeptische Blick eines Sonderlings, der draußen bleiben wird - aus dem Filmzirkus. Er spielt sich selbst, wenn er vieldeutig sagt: "Ich würde ihm gerne eine Nachricht hinterlassen, wenn es ihnen Recht ist." Seitdem hinterlässt er uns Nachrichten: seine Filme - um sich dann in die Unsichtbarkeit zu verabschieden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Film
"The Tree Of Life"
USA 2011
Regie: Terrence Malick
Darsteller. Brad Pitt, Jessica Chastain, Sean Penn, u.a.
Kinostarts:
DE: 16.06.2011
AT: 17.06.2011
CH: 26.05.2011