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Archiv & Vorschau
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Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© Uli Stelzner Lupe
In Guatemala hat man endlich mit der Aufarbeitung des Krieges begonnen.
Guatemalas Geheimnis
Der Dokumentarfilm "La Isla" über den Völkermord
Im Bürgerkrieg in Guatemala kämpften von 1960 bis 1996 vier linke Guerillagruppen gegen wechselnde Militärjuntas, die im Laufe der Auseinandersetzungen etwa 200.000 Menschen verschleppten und ermordeten. Beweise für den Völkermord wurden systematisch unterdrückt. Der Regisseur Uli Stelzner hat sich auf die Suche nach Beweisen gemacht und sie im ehemaligen geheimen Polizeiarchiv gefunden.
Es ist eine Reise in die Zeit, als Guatemala Schlachtfeld war. Kapitalismus und Kommunismus prallen aufeinander. Ungebremst, grausam. Menschen verschwinden, werden gefoltert, ermordet. Im Polizeiarchiv beginnt die Vergangenheitsbewältigung. Der Film "La Isla" macht 36 Jahre Krieg und den Völkermord an den Maya öffentlich. Den Dokumentarfilmer Uli Stelzner hat "die Länge dieses Krieges, die permanente Angst und die schweren Verbrechen, die da begangen worden sind", erschüttert. "Es war eigentlich der einzige Völkermord im letzten Jahrhundert in der westlichen Hemisphäre", sagt er. "Das hat dermaßen deutliche Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, dass man von einer traumatischen Zeit reden muss. Jeder Gualtemalteke, jede Familie zumindest, ist in irgendeiner Art und Weise davon betroffen."

Beweise im Polizeiarchiv
© Uli Stelzner Lupe
Im maroden Polizeiarchiv wird nach Akten gesucht.
Veronica Morales und ihr Bruder Armando haben 13 Familienangehörige im Krieg verloren. Im Polizeiarchiv suchen sie nach Spuren, nach Beweisen und nach Gewissheit. Berge von Akten, 80 Millionen Dokumente türmen sich, wo früher die sechste Einheit der Nationalpolizei zuhause war. Diese berüchtigte Truppe unterhielt hier ein illegales Gefängnis: "La Isla", die Insel. Als das Archiv 2005 wiederentdeckt wurde, stand Wasser in den Räumen. Es gab Ratten, Kakerlaken, Fledermäuse. Erst kamen die Kammerjäger, dann die Archivare. Es wird gesäubert und sortiert im Schichtbetrieb. 160 Mitarbeiter wühlen sich durch die Papiere. Sie finden Personalausweise, Krankmeldungen, Verhörprotokolle. Sie finden auch Belege über Menschenrechtsverletzungen in der Zeit des Bürgerkrieges.

Akribisch wurde alles erfasst. Auch die Entführung eines Bruders und eines Cousins von Veronica und Armando. Fassungslos lesen sie, dass die beiden denunziert worden sind. Dann hat man sie erschossen - als angebliche Guerilleros. "Die Lügen in diesen Dokumenten tun weh", sagt Veronica Morales. "Wie sie das schreiben, dass wir Guerillas waren, so war das nicht. Wir waren arm, aber ehrlich. Wir haben immer hart gearbeitet." 200.000 Menschen sind dem Krieg zum Opfer gefallen.

Der Krieg ist auch ein Völkermord
© Uli Stelzner Lupe
Die Verbrechen werden nun dokumentiert.
Der Dokumentarfilm "La Isla" erinnert an Rebellion und Kommunistenjagd im Bürgerkrieg. In den 1980er Jahren unter Präsidenten wie General Rios Montt artet der Krieg aus zu einen Vernichtungsfeldzug gegen alles, was im Verdacht steht, links zu sein. Es ist ein brutal geführter Abwehrkampf gegen den Kommunismus, unterstützt von der CIA. Im US-Außenministerium befürchtet man, dass diese Verstrickung dem Ansehen der USA schadet. Nach dem Friedensschluss von 1996 stellt ein Uno-Bericht fest, dass 80 Prozent der Bürgerkriegsopfer Maya sind. Der Krieg ist auch ein Völkermord.

Wir treffen Veronica Morales eine Stunde entfernt von Guatemala Stadt in Chimaltenango. "Als die Dokumentarfilmer mich im Archiv begleiten wollten, habe ich gezögert“, sagt sie. "Es ist so persönlich." Aber dann hat sie mitgemacht, weil sie will, dass das Schweigen aufhört. "Mir hat sich das Herz in der Brust umgedreht, als ich den Film gesehen habe", sagt Morales. "Zu sehen, was man selbst erlitten hat, ist hart. Aber der Film hat mir geholfen. Ich habe jetzt Gewissheit. Wir waren viele, und so wenige sind übrig geblieben." 6000 zumeist junge Zuschauer haben "La Isla" gesehen bei drei Vorführungen im Nationaltheater. Jetzt läuft der Film in kleinerem Rahmen. Es ist eine intensive Zeitreise. 80 Minuten lang herrscht gebannte Stille.

"Viele wissen gar nicht, was passiert ist"
"Ich finde, dieser Film sollte an allen Schulen gezeigt werden, damit die Jugendlichen erfahren, was damals passiert ist", so Zuschauer Luis Letona. "Viele wissen gar nicht, was passiert ist." Und der Zuschauer Eric Morano sagt: "Dieser Film hat in mir Gefühle geweckt, die ich nicht kannte. Ich habe Wut über all die Gewalt gespürt. Aber vor allem empfinde ich, dass wir unseren Frieden finden müssen." Viele Jugendliche in Guatemala lebten zurückgezogen, wie in einer Blase, sagt Claudina Slazar. "Sie haben keine Ahnung von unserer Geschichte. Wenn sie diesen Film sehen, werden sie Fragen haben und sie werden von ihren Eltern wissen wollen, was passiert ist."

© Uli Stelzner Lupe
Nim Alae singt über "La Isla".
Vergangenheitsbewältigung reißt Wunden auf. Täter werden konfrontiert. Schweigen ist weniger mühsam, es löst nur nichts. "Das kennen wir auch aus Deutschland, das über die schlimmen Ereignisse nicht viel geredet wird", sagt Uli Stelzner. "Dieses Klima des Schweigens und des Angsthabens hat sich bis heute, 15 Jahre nach Kriegsende, wie ein roter Faden durch die Gesellschaft gezogen. Das überträgt sich, wenn nicht aufgearbeitet wird, von Generation zu Generation." Nim Alae hat im Archiv gearbeitet. Er hat einen Song geschrieben über "La Isla", einen Song, der Mut machen soll. "Die Stunde der Wahrheit ist gekommen", singt Nim Alae. "Die Vergangenheit ist nicht vergessen."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
© Uli StelznerLupe"La Isla"
(Dokumentation)
De/Guatemala 2009
Regie: Uli Stelzner
Nächste Vorstellung: 30.06.2010
Moviemento, Berlin. In Anwesenheit von Uli Stelzner