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Themen am 23.10.2017Navigationselement
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© Axel Lischke Lupe
Auf der Wuhlheide in Berlin jubelten 17.000 Fans Pearl Jam zu
Zwischen Weltschmerz und Zynismus
Grunge ist tot, Pearl Jam lebt
Pearl Jam war der Inbegriff des Grunge. In Seattles Musik-Bewegung der 1990er waren sie die großen Abräumer neben Nirvana. Nach der Jahrtausendwende wurde es stiller um die Band um Frontmann Eddie Vedder. Der schnelle Riesen-Erfolg hatte sie überrollt wie Nirvana-Sänger Kurt Cobain, der sich überfordert vom Ruhm das Leben nahm.
Die letzten Helden des Grunge. Ihre Auftritte sind selten geworden. In Deutschland spielt Pearl Jam 2009 nur ein einziges Mal. 17.000 Fans sind gekommen, um zu feiern. Grunge war schon immer die Freude der Verzweifelten. "Wenn Musik keinen Spaß mehr macht, ist die Welt am Arsch", sagt Sänger Eddie Vedder. "Grunge" bedeutet "Dreck". Es ist der Sound einer Generation. "Grunge, das war ein Campingurlaub ohne Zahnpasta", erklärt Vedder.

Jedes Konzert eine Zeitreise in die 1990er Jahre
Jedes Konzert ist eine Zeitreise in die Jugend der 1990er Jahre. Es ging um mehr als nur Musik. "Wir haben damals Songs geschrieben, die uns viel bedeuten", so Vedder. "Solange wir die spielen, ist die Vergangenheit immer da. Man sollte sie auch nicht vergessen. Es ist, als ob man sich selbst Botschaften in einer Zeitkapsel schickt." Sonic Youth waren die Vorboten des Grunge - für alle, denen die 1980er zu sauber waren und der Punk zu tot. Seattle, die Stadt von Jimi Hendrix, treibt sie zusammen: Bands, die den rohen, ehrlichen, dreckigen Sound suchen.

"Die Stadt hat musikalische Geschichte geschrieben", sagt Matt Cameron, der Schlagzeuger von Pearl Jam. "Da scheint irgendetwas in der Luft zu sein oder im Wasser. Es gab eine Menge genialer Musiker. Und dann kam Nirvana, und das Ding schoss durch die Decke. Es war der perfekte Sturm." Grunge wird zum Inbegriff einer Generation X, zwischen Weltschmerz und Zynismus, voll unbestimmter Wut, mit einem Hang zur Selbstzerstörung. Außenseiter erobern die Welt. Grunge ist eine echte Bewegung, kein Marketing-Gag der Produktmanager. Die Musikwelt steht Kopf. Pearl Jam ist die gezähmte Version des "Seattle Sounds", mit Melancholie statt wilder Wut und Nachdenken statt Drogenexzessen.

Seattle ist zur Goldgrube geworden
© Axel Lischke Lupe
Hauptsache Spaß an der Musik haben, findet Eddie Vedder
"Uns wurde klar, dass wir Teil einer Riesen-Geschichte sind", erinnert sich Vedder. "Das ist toll: Du erwischst eine Welle und surfst eine Weile mit. Bis die Welle zu groß wird und über Dir zusammenbricht. Sie hat uns hart getroffen. Aber erstmal war es ganz nett - ungefähr eine Woche lang." Pearl Jams größter Hit war "Jeremy". Für das Lied vom Außenseiter gewinnt die Band vier MTV-Awards. Während die Manager feiern, geht die Szene kaputt. Seattle ist zur Goldgrube geworden und Grunge zur Modemarke. Im Video erschießt sich Jeremy vor den Augen seiner Klassenkameraden. Er hat den Druck nicht mehr ertragen.In Seattle erschießt sich Kurt Cobain. Drei Jahre nach Nirvanas Durchbruch. "Ich habe mich zu sehr verändert", steht in seinem Abschiedsbrief. "Es macht mir keinen Spaß mehr."

"Musik ist doch unser Lebenselixier", sagt Vedder. "Das einzige, was immer bei mir ist wie eine Religion, wie die Liebe Deiner Eltern. Musik sollte Kraft geben und Trost spenden. Wie kann Musikmachen so schwer sein? Das Leben und Überleben als Band, wie kann das so schwer sein? Ich weiß es nicht, aber manchmal ist es so." Um Pearl Jam wird es leiser. Weil sie es so wollen. Sechs Jahre bringen sie kein Video heraus, sagen eine Tournee ab, weil die Eintrittspreise zu hoch sind. Sie schaffen die Abkehr vom Business, zurück zur Musik, zur Freiheit, zum Spaß. "Wenn Du als Musiker überleben willst, musst Du Spaß haben", betont der Sänger. "Wenn nicht wir, wer dann? Wenn wir uns nicht frei fühlen, wenn wir es nicht leicht haben, wer dann? Was sollen denn dann die Klempner sagen?" Sie haben überlebt, die letzten Helden der letzten großen Musikbewegung. Grunge ist tot, Pearl Jam spielt weiter. Ein guter Grund zum Feiern.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
VideoEddie Vedder und Matt Cameron im Interview, geführt von Benjamin Hensler (08.09.2009, ca. 20 min.)
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