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Der "Spiegel" hat einen Betrugsfall im eigenen Haus offengelegt.
Der "Spiegel" hat einen Betrugsfall im eigenen Haus offengelegt.
Katastrophe für den Journalismus
Betrugsfall beim "Spiegel" aufgedeckt
Claas Relotius, mehrfach preisgekrönter Reporter für den "Spiegel" und andere Zeitungen, hat jahrelang bei seine Reportagen gefälscht. Der "Spiegel" legte den Betrugsfall selbst offen. Wir sprechen exklusiv mit Juan Moreno, Relotius' Kollege und Co-Autor, der den Betrug aufgedeckt hat.
Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte Claas Relotius erst wenige Tage vor dem Aufdecken seiner Fälschungen noch den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten. "Vieles darin ist wohl erdacht, erfunden, gelogen", hießt es am 19. Dezember 2018 dann auf "Spiegel Online" über den Artikel. "Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake." Diesen und drei weitere deutsche Reporterpreise gibt Relotius nun zurück, teilte das Reporter-Forum in Hamburg mit. Der Peter Scholl-Latour Preis 2018 wurde dem "Spiegel"-Redakteur bereits aberkannt.

Kollege Juan Moreno sammelte "Fakten gegen die Fiktionen"
© ZDF
Relotius flog den Angaben zufolge nach einem Bericht über eine US-amerikanische Bürgerwehr auf, die entlang der Grenze zu Mexiko Streife läuft (Titel: "Jaegers Grenze"). Eine Aktivistin, die für diese Gruppe die Pressearbeit macht, fragte per E-Mail an, wie Relotius einen Artikel über ihre Organisation verfassen könne, ohne für ein Interview vorbeizukommen. Relotius' Kollege und Co-Autor Juan Moreno begann, "Fakten gegen die Fiktionen" sammeln und recherchierte Beweise - bis Relotius schließlich Fälschungen einräumte und am 17. Dezember 2018 kündigte.
Kulturzeit-Gespräch
... mit Juan Moreno, "Spiegel"-Journalist
(20.12.2018)

Sichtlich bedrückt und erschüttert stellten sich Thomas Hass, Geschäftsführer des Nachrichtenmagazins, und Ullrich Fichtner, Steffen Klusmann sowie Dirk Kurbjuweit aus der Chefredaktion am 19. Dezember den Fragen von Journalisten. Relotius habe "systematisch gefälscht" und das "sehr ausgebufft gemacht", sagte Fichtner. Am 19. Dezember habe er zugegeben, dass er seit Jahren in seinen Texten die Fantasie spielen ließ, wenn er mit der Recherche nicht weiterkam.Knapp 60 Geschichten müssten nun von einem Aufklärungsgremium untersucht werden. Auch im eigenen Haus werde man sich dem Thema stellen. "Aber es geht nicht darum, Schuldige zu suchen, die früher etwas hätten merken müssen", sagte Klusmann. Vielmehr gehe es darum, Verantwortung zu übernehmen.

Kommission soll Manipulationen beim "Spiegel" untersuchen
Der "Spiegel" kündigte an, Arbeitsabläufe, Dokumentationspflichten und organisatorische Rahmenbedingungen im Haus zu überprüfen, um "die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern" und das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion wiederherzustellen. Eine unabhängige Kommission aus drei erfahren internen und externen Personen solle allen Hinweisen auf Manipulation nachgehen. Sie werde Prozesse und Routinen prüfen und Vorschläge zur Verbesserung erarbeiten. Der Kommission sollen den Angaben zufolge der ehemalige Vize-Chefredakteur des "Spiegels", Clemens Hoeges, und der künftige "Spiegel"-Nachrichtenchef Stefan Weigel angehören. Mit einer dritten, externen Person sei man derzeit im Gespräch.

Der Fall habe gewiss auch eine politische Dimension, sagte Kurbjuweit. Sollte er in die aktuell geführte Debatte um Fake News aufgenommen werden, "müssen wir uns dem stellen". Groß sei der Schaden für den Journalismus und für die Glaubwürdigkeit der Reportage. Journalistenverbände reagierten betroffen und teils erschüttert auf den Betrugsfall. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, erklärte, der vermeintliche Reporter habe nicht nur dem "Spiegel" Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus' in den Dreck gezogen. Überall forderte alle Medien, für die Relotius geschrieben hat, auf, bei der Aufarbeitung des Falles zu kooperieren.