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Bei manchen Bildern bleibt einem das Lachen im Halse stecken.
Bei manchen Bildern bleibt einem das Lachen im Halse stecken.
Es darf gelacht werden - im Kunsthaus Zug
Interview mit Direktor Matthias Haldemann über die aktuelle Schau
Freie Geister müssen lachen können, auch über sich selbst, doch das war nicht immer so. Bei manchen Bildern bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Ob Klee, Heartfield, Ai Weiwei, Duchamp, Warhol oder Goya - manchmal stehen Situationskomik und Schrecken, Lust und Scham, Freude und Entsetzen dicht nebeneinander. Ein Interview mit Matthias Haldemann, Direktor des Kunsthauses Zug.
Als Kind waren für mich die Kirche und das Museum die letzten Orte, wo gelacht werden durfte.

Die Kirche und das Museum sind im Zuge der Zivilisation seit dem 16. Jahrhundert zunehmend zu stillen Orten geworden, wo man eben etwas andächtig verweilt und wenig miteinander spricht. Die Kirche war im Mittelalter aber ein ganz anderer Ort, ein öffentlicher Ort, in dem gelebt wurde, gesprochen wurde, in dem eben auch gelacht wurde. Da hat sich in der Zwischenzeit viel verändert. Das Museum hat dann eigentlich das Erbe der Kirche angetreten, als man sich von der Religion distanzierte und so auch eine Vorstellung von Kunst im heutigen Sinn entwickelt. Wir versuchen, mit dieser Ausstellung über Kunst und Humor, eine Art von fröhlichem Museum zu initiieren, dass die Leute eben auch zum Lachen bringen soll.

Ihr Forschungsteam hat die Geschichte des Humors in der Kunst intensiv untersucht. Eine solch große Ausstellung zu diesem Thema gab es bisher noch nie. Was war für Sie die größte Überraschung?

Man ging davon aus, dass der Humor in der bildenden Kunst eher eine Randerscheinung sei, beziehungsweise, dass gute Kunst so etwas wie Humor ausschließt. Das habe ich immer wieder gehört. Die Haupterkenntnis war, dass im 17. Jahrhundert in England führende Denker, Philosophen, Schriftsteller, Philanthropen und Künstler den Humor als heiter-skeptische Lebenshaltung betrachteten. Humor mit Witz und Lachen wurden zu einer Erkenntnisform, die man unter Freunden aus Gemeinsinn pflegte. Die Entstehung, die Emanzipation des Humors, dann auch in der Kunst, geschah genau dort, als man über die Grundwerte einer der späteren Demokratie als der Menschenrechte, freie Meinungsäusserung nachdachte. Insofern wurde der Künstler zum freien Künstler und die Betrachtenden zu freien Betrachtenden, die lachen durften, worüber sie wollten. Die Emanzipation des Humors hängt somit direkt zusammen mit der Entstehung dessen, was wir heute moderne Kunst nennen und auch Demokratie nennen.

Thematisch geht es sehr oft um Themen wie Geschlechterbeziehungen, gesellschaftliche Unterdrückung, die Auseinandersetzung mit dem Körper und dem Tod. Weshalb war und ist bis heute der Humor bei solchen Tabuthemen wichtig?

Wir beziehen uns da auf Friedrich Nietzsche, der erkannt hat, dass der Humor eben eine Möglichkeit ist, den Widrigkeiten, Ungeheuerlichkeiten der Welt und des Menschen und damit auch von sich selbst, etwas entgegen zu halten. Eine Art "Trotzdem". Diese Einstellung bietet die Voraussetzung, ein gutes Leben führen zu können, bei dem man eben vor allem auch lachen und tanzen soll. So verstand Nietzsche den Humor - im Bewusstsein, dass die früheren festen Werte wie Religion, Moral, Wissenschaft ins Wanken geraten sind.

Humor durfte aber nicht immer offen ausgelebt werden, schon gar nicht in der Kunst.

Ja, das sagt sehr viel aus über die Gesellschaft, über die Tatsache, dass Mächte ein Interesse haben, das Lachen zu kontrollieren. Dazu gehört auch die freie Meinungsäußerung. Wer lacht, bekommt eine gewisse Distanz und das kann gefährlich werden.

Was war die größte Herausforderung bei dieser Ausstellung?

Die große Herausforderung bestand darin, der Breite des Themas gerecht zu werden. Es umfasst 2500 Jahre Geschichte. Wenn man den Humor in der Kunst untersucht, muss man sich zwangsläufig auch mit Philosophie, mit Literatur, mit Musik, mit Theater und mit Film beschäftigen. Das führt vom einen zum anderen und das mussten wir bündeln und in 10 Räume mit 750 Quadratmeter packen.

Humor in der Kunst erhitzt bis heute die Gemüter. Auch die Bilder des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" hat Sie beschäftigt.

Ja, wir haben uns damals, im Jahre 2015, ernsthaft gefragt, ob wir diese Arbeiten in die Ausstellung aufnehmen können, oder ob wir die Polizei vor dem Museum aufstellen müssen. Das war kein Witz, sondern blutiger Ernst. Als wir mit den Recherchen begonnen haben, hatte von uns noch niemand eine Vorstellung davon, dass das Thema so ernst werden würde in unserer unmittelbaren Umgebung. Das zeigt, wie eben Fragen der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit, der Menschenrechte und auch die Trennung von Kirche und Staat wieder ein großes Thema geworden sind. Wir müssen über die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft diskutieren und über die Massenmedien. Wenn Sie heute eine Karikatur im Netz veröffentlichen, erreicht das nicht nur bestimmte Adressaten, sondern möglicherweise die ganze Welt. Aus Humor können Konflikte und sogar Gewalt resultieren, wenn sich da jemand anschaut, der den Kontext nicht kennt, oder von ganz anderen Voraussetzungen ausgeht.

Aus der Perspektive des Humors wird man viele Künstler noch einmal neu entdecken. Über welches Bild haben Sie denn am meisten gelacht?

[lacht] Das Lachen ist natürlich auch eine vielgestaltige Sache. Man kann ja aus verschiedenen Gründen lachen. Es gibt Leute, die in der Ausstellung vor Schreck lachen und es gibt ja bekanntlich auch die lachende und die weinende Träne. Das Tragische und das Komische hängen gerade in der bildenden Kunst immer sehr eng zusammen. Bei uns geht es nicht um das schenkelklopfende Lachen, sondern um das Existenzielle im Humor.

Ein Werk, über das ich sehr lachen musste und mich anfänglich auch irritierte, war eine weiße Leinwand von Timm Ulrichs. Da steht in schwarzen Druckbuchstaben das Wort "Bild" drauf. Es ist also wie ein Witz. Ein Wort steht für das, was eigentlich das Bild wäre und ersetzt somit die Malerei, steht hier eigentlich quasi im Weg und behauptet es sei das Bild, dabei ist es eigentlich ein Wort. Da beginnt Ulrichs ein Spiel mit dem Betrachtenden und dieses Spiel können wir endlos weitertreiben.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags. live um 19.20 Uhr
Ausstellung
"Komödie des Daseins - Kunst und Humor von der Antike bis heute"
Kunsthaus Zug
bis 06.01.2019