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Wohl selten ist bei Wissenschaftlern die Arbeit so eng miteinander verwoben wie bei dem Ehepaar Aleida und Jan Assmann.
Für eine Erinnerungskultur
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 für das Ehepaar Assmann
Sie ist Anglistin und Ägyptologin, er Kulturwissenschaftler und Ägyptologe. Seit Jahrzehnten prägen Aleida und Jan Assmann Debatten. Am 14. Oktober 2018 ehrte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Ehepaar mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Das Ehepaar habe ein Werk geschaffen, "das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist", hatte der Stiftungsrat am 12. Juni 2018 seine Entscheidung begründet. Ein Schlüsselbegriff im Wirken beider ist das "kulturelle Gedächtnis" und die Frage, welche Faktoren zu Identitäts- und Bewusstseinsbildung menschlicher Kulturen und Gesellschaften beitragen. Die Bekanntgabe der Auszeichnung sei für sie «eine überwältigende Überraschung» gewesen, sagte Jan Assmann bei der im Wechsel mit seiner Ehefrau vorgetragenen Dankesrede. "Dieser Preis ist für uns ein Ehrenbürgerbrief in der Res publica literaria, dem Heimatland, das keine nationalen Grenzen kennt."


Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann (71) machte sich mit Studien zur Erinnerungskultur einen Namen. "Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leistet sie in hohem Maße Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation", so der Stiftungsrat. Ihr Werk weise darauf hin, dass ein ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit Bedingung für ein friedliches Miteinander sei. Jan Assmann widmete sich zunächst dem gesellschaftlichen Leben im alten Ägypten - angefangen bei dem Zeitverständnis über die Vorstellung von Tod und Jenseits bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Gottesbild. Doch auch der 80-Jährige denkt seit langem über einzelne Disziplinen hinaus, verknüpft Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft. In seinem 2016 erschienenen Buch "Totale Religion" setzt er sich mit aktuellen Diskussion über das Gewaltpotential monotheistisch geprägter Gesellschaften auseinander.


Und so forderten beide in ihrer Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche auch einen Grundkonsens in der Demokratie wie die Werte der Verfassung oder die Gewaltenteilung. "Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt", betonte das Ehepaar. Wer die Meinungsfreiheit untergraben wolle, habe kein Respekt verdient. "In der Demokratie kann man das Denken nicht delegieren und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen", stellten die Wissenschaftler vor knapp 1000 Gästen bei der feierlichen Verleihung fest. Pöbeleien wie vor einigen Wochen in Chemnitz legten die Demokratie lahm. Diese lebe nicht vom Streit, sondern vom Argument.

Die Gesellschaft brauche ein nationales Gedächtnis, betonten die Forscher. Man könne aber heute nicht mehr nahtlos "an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation" anknüpfen. Das Gedächtnis sei auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung. Von Europa forderten die Wissenschaftler eine globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen - "damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann". Europa müsse sich auch mit den Menschen solidarisieren, die durch Kriege, Not und Gewalt zur Flucht gezwungen seien. "Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen", verlangten die Forscher weiter. Die zentrale Frage sei nicht, "ob wir die Integration oder nicht, sondern wie wir sie schaffen".

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Gespräch mit ...
© dpaVideoAleida und Jan Assmann
... auf der Buchmesse Frankfurt (12.10.2018)
Buchmesse Frankfurt 2018
© ImagoAleida und Jassmann im Gespräch mit Gert Scobel
Weitere Friedenspreisträger:
Hintergrund
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehört zu den bedeutendsten Kulturauszeichnungen des deutschsprachigen Raums. Mit dem Preis werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland geehrt.

Der mit 25.000 Euro verbundene Preis geht dem Statut zufolge an Persönlichkeiten, "die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen" haben.

2018 wird das zweite Mal ein Paar ausgezeichnet. 1970 erhielten die beiden schwedischen Friedensforscher Alva und Gunnar Myrdal die Auszeichnung.