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Erinnern an Ingmar Bergman: In Cannes liefen zwei Dokumentationen zum 100. Geburtstag des 2007 verstorbenen schwedischen Regisseurs.
Cannes' Liebling
Zwei Dokumentationen erinnern an Ingmar Bergman
Am 14. Juli 2018 wäre Ingmar Bergman, der 2007 verstorben ist, 100 Jahre alt geworden. In der Reihe "Cannes Classics" waren daher zwei neue Dokumentarfilme zu sehen, die sich mit dem großen Regisseur, seinem Leben und Werk eingehender befassten - und dabei jeweils eine besondere Herangehensweise wählten, wie unser Kritiker Maik Platzen berichtet.
Im Rahmen der 50. Ausgabe des Filmfestivals von Cannes wurde Ingmar Bergman 1997 mit einer "Palme der Palmen" ausgezeichnet - als einziger Regisseur bis heute. Der schwedische Filmemacher gilt als Inbegriff eines Kinos, wie es sich auch Cannes erträumt: künstlerisch ambitioniert, technisch avanciert, menschlich bewegend und dabei - vor allem dank der Riege seiner Hauptdarstellerinnen - Harriet Anderson, Bibi Anderson, Liv Ullman und anderen - immer auch mit dem nötigen Glamour. Jetzt erinnert das Filmfest mit zwei Dokumentationen an ihn.

Einer davon - und einer von drei deutschen Beiträgen in Cannes insgesamt 2018 - ist "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" von Margarethe von Trotta. Es ist - erstaunlicherweise - der erste Dokumentarfilm der Berlinerin überhaupt, und wenn man dies dem Film anmerkt, dann nur im besten Sinne. Eine Leichtigkeit zeichnet ihre Arbeit aus und eine Unbefangenheit, die es braucht, Konventionen des Genres nicht ganz so ernst zu nehmen und vor Bergman, der Legende, nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Von Trotta reist an die Orte, an denen Bergman gelebt und gearbeitet hat, spricht mit künstlerischen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern, sowie mit jüngeren Regie-Kolleginnen und Kollegen, Mia Hansen-Love etwa, oder Olivier Assayas. Selbst wenn es um herbe Enttäuschungen und seelische Wunden geht, wie im Fall von Bergmans Sohn Daniel (heute selbst Regisseur), bekommt der Film nie den Charakter einer Abrechnung, sondern bleibt eine persönliche Spurensuche von Trottas, die sich darum bemüht, ein komplexes Bild zu vermitteln.

Bergman in Deutschland
© dpa Margarethe von Trotta hat Bergmans Sohn Daniel interviewt.
Margarethe von Trotta hat Bergmans Sohn Daniel interviewt.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Margarethe von Trotta der Zeit, die Ingmar Bergman, von Anschuldigungen der Schwedischen Steuerbehörden ins Exil getrieben, in den späten 1970er Jahren in München verbrachte, wo er zwei Spielfilme drehte und am Residenztheater inszenierte. Eine schöne Überraschung ist die Begegnung mit Gaby Dohm, in Deutschland eher bekannt für ihre Rolle in der "Schwarzwaldklinik". Dass sie - wie auch Rita Russek - in Bergmans "Aus dem Leben der Marionetten" vor der Kamera stand, ist hierzulande leider fast in Vergessenheit geraten. Wenig bekannt ist wohl auch die Tatsache, dass Margarethe von Trottas Bewunderung für Bergman auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein einziger Film von einer Frau schaffte es in Bergmans persönliche Kino-Top-Ten: "Die bleierne Zeit" aus dem Jahr 1981, Regie: Margarethe von Trotta.

Einen ganz anderen Ton schlägt die Schwedin Jane Magnusson in ihrer Dokumentation "Bergman - A Year In A Life" an. Auch Magnusson verbeugt sich vor Bergmans Lebenswerk und seiner unglaublichen Produktivität, um dann jedoch - getragen vom Rückenwind der weltweiten MeToo-Debatte - eine Suada gegen den berühmten Regisseur anzustimmen. Bevor Bergman 1971 seine fünfte Ehefrau Ingrid von Rosen heiratete, wechselte er seine Frauen und Affären nahezu in dem gleichen halsbrecherischen Tempo, in dem er seine Filme drehte und Theaterstücke inszenierte. Magnussen zeichnet Bergman als egozentrisch und verantwortungslos, treu und verpflichtet nur seinem eigenen Werk gegenüber, in dem er sich und seine Empfindungen, Jane Magnusson zufolge, unentwegt spiegelte.

Ist Margarethe von Trottas Film eine Annäherung aus der Ferne, so wirkt "Bergman - A Year In A Life" nicht zuletzt wie der Versuch, einen Nationalhelden von sich wegzustoßen, Abstand zu gewinnen zu einer - zumindest in Schweden - wohl auch posthum noch immer machtvollen Vaterfigur der Filmindustrie. Es ist eine ungewöhnliche und kluge Entscheidung des Festivals die "Palme der Palmen" an Ingmar Bergman mit zwei sehenswerten Dokumentarfilmen zu unterfüttern, die einerseits das Fortleben von Bergmans Werk bezeugen, aber andererseits die menschlichen Kosten seines Ruhms vor Augen führen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr