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Vincent Lindon (l.) dürfte in Stéphane Brizés (r.) neuem Film wieder gute Chancen auf einen Preis haben.
Arbeitskampf in der Provinz
Standing Ovations für Stéphane Brizés "En guerre" in Cannes
Viel war im Vorfeld von der Absicht des Filmfestivals von Cannes zu hören, sich 2018 stärker für politische und soziale Themen zu öffnen. Diese Tendenz war im Wettbewerb spürbar, auch wenn die Ergebnisse nicht immer überzeugen konnten. Am besten gelang es Stéphane Brizé mit seinem Sozialdrama "En guerre" (Im Krieg).
Vor drei Jahren beeindruckte Brizé in Cannes mit "La loi du marché" (Der Wert des Menschen), einer packenden Geschichte über Arbeitslosigkeit und den damit einhergehenden Demütigungen. Dafür wurde damals Vincent Lindon als bester Darsteller ausgezeichnet. Jetzt dürfte er in Brizés neuem Film erneut gute Chancen auf einen Preis haben.

"En guerre" ist die Geschichte eines Arbeitskampfes in der französischen Provinz. Bei Perrin Industrie wird Autozubehör produziert. Obwohl die Fabrik rentabel ist, soll sie geschlossen werden, weil die Profitmarge nicht hoch genug ist. Zwei Jahre lang haben die Arbeiter und Angestellten auf ihren Bonus verzichtet und ohne Lohnausgleich länger gearbeitet. Im Gegenzug hatte sich das Unternehmen verpflichtet, fünf Jahre lang auf Entlassungen zu verzichten. Plötzlich ist keine Rede mehr davon. Mit Leidenschaft und Überzeugungskraft verkörpert Vincent Lindon die Rolle des Gewerkschafters Laurent. Er wird zum Sprachrohr der frustrierten Arbeiter, die sich getäuscht fühlen und mit Streik und Besetzung der Fabrik reagieren. Die Geschäftsleitung ist zu keinen Zugeständnissen bereit. Der Vorstand der deutschen Holding, zu der die französische Fabrik gehört, ist nicht zu erreichen. Die Lage eskaliert zunehmend.

Viele reale Vorbilder
Für die fiktive Fabrik im Film gibt es in Frankreich zahlreiche Beispiele aus den letzten Jahren. Vor allem die Konflikte bei Continental und Goodyear haben für Schlagzeilen gesorgt. Für Regisseur Stéphane Brizé waren die Bilder des körperlichen Angriffs auf einen Personalchef bei Air France ein auslösendes Moment. Für den Film hat er akribisch recherchiert bei Gewerkschaftern, Managern und in Personalabteilungen. Mit feinem Ohr für die Sprache der jeweiligen Seite zeigt der Film die Verhandlungen zwischen dem Management und der Belegschaft. Man spürt die wachsende Frustration und ohnmächtige Wut, die sich ausbreiten, weil man zu keinen Ergebnissen kommt. Es wird deutlich, wie auch die Geschäftsleitung unter dem Druck der Gewinnmargen steht. Brizé gelingt es beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, ohne die Beteiligten zu karikieren oder denunzieren. Er idealisiert auch nicht den Arbeitskampf. Im Laufe der Aktion spaltet sich die Belegschaft. Die einen verhandeln über eine Abfindung, die anderen wollen weiterkämpfen. Jede Seite hat gute Gründe für ihre Haltung.

"Wir wollten mit unserem Film das zeigen, was man in den TV-Nachrichten nicht sieht. Was vorher geschieht bevor die Presse auftaucht und was danach passiert", sagte Stéphane Brizé in der Pressekonferenz. "Ein Spielfilm kann Zusammenhänge sichtbar machen, zu denen man sonst keinen Zugang hat." Brizé und sein Ko-Autor Olivier Gorce haben ein präzises Drehbuch entwickelt, auf dessen Grundlage die Szenen so spontan und authentisch wirken, als seien sie gerade in diesem Augenblick gefilmt worden. Neben Vincent Lindon sind die weiteren Rollen mit Laiendarstellern besetzt, die ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit mitbringen. "En guerre" ist ein eindringliches Lehrstück über die Logik des globalisierten Kapitalismus und zugleich ein menschliches Drama, das von einer kollektiven Tragödie erzählt. Ein intelligenter Film, der eine Wucht und Kraft besitzt, die das Publikum mitreißt. In Cannes gab es dafür Standing Ovations. Die längsten des Festivals.

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© ZDFVideoPeter Paul Huth, "Kulturzeit"-Film-Redakteur
(08.05.2018)