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Lars von Trier (m.) provozierte in Cannes mit seinem Film "The House That Jack Built", in dem Matt Dillon (r.) einen Serienmörder spielt.
Vor exzessiver Gewalt wird gewarnt
Lars von Trier schockt das Publikum in Cannes
Provoziert hat Lars von Trier schon immer. Mit "The House That Jack Built" hat der dänische Regisseur jedoch eine neue Türe geöffnet und das Kellergeschoss seiner Karriere betreten. In dem Film geht es um den frustrierten Architekten Jack (Matt Dillon), der Frauen und Kinder ermordet.
Serien-Killer Jack sieht seine Taten als Kunst an. Einem Begleiter, den man zunächst nur als Partner in einem Voice-Over Dialog hört, schildert er fünf Beispiele von zunehmender Widerwärtigkeit. Es geht dabei um sadistische Morde an Frauen und Kindern. Offensichtlich ist echte Gewalt gegen ein Tier auch mit dabei. Für seinen strukturgebenden Dialog bringt der Film Faust und Mephisto sowie Vergil und Dante als klassische Vorbilder in Stellung.

Aus der Kategorie: Filme, die man lieber nicht gesehen hätte
© reuters Lars von Trier mutet seinen Zuschauern einiges zu.
Lars von Trier mutet seinen Zuschauern einiges zu.
"The House That Jack Built" ist ein Kandidat für die Kategorie: Filme, die man lieber nicht gesehen hätte. Mehrere hundert Gäste der glamourösen Abendgala sollen den Saal verlassen haben. Auf ihren Tickets waren sie bereits explizit vor krasser Gewalt gewarnt worden. Das Festival selbst hat Lars von Triers Spiel mit seinem Publikum gewissermaßen mitgespielt, das da lautet: "Welche Zumutungen nehmt ihr diesmal von mir hin?" Sicherlich hat dieses Spiel einen ernsten Hintergrund - Stichwort: Kunst als Therapie. Nur was, wenn Lars von Triers Therapie darin besteht, ein Massenpublikum in Geiselhaft zu nehmen?

Manche Kritiker versuchten souverän aufzutreten, indem sie meinten, das Serien-Killer-Genre sei längst abgeschmackt, langweilig. Das Vertrackte dabei: Die Figur des Jack ist gerade keiner der üblichen Leinwand-Psychopathen, die uns erschrecken, weil sie ein vollkommenes Rätsel darstellen. Im Gegenteil, Jack wird als "naiver Junge" inszeniert, der in seiner abgründigen "Disziplin" eine Reihe von Experimenten durchführen will und nach der besten Lösung ringt, um seine selbstgestellten Aufgaben zu meistern. Lars von Triers Ringen darum, seine Figur - trotz der Abgründe - mit maximalem Identifikationspotenzial auszustatten, ist deutlich spürbar. Zudem bemüht sich von Trier darum, der Schizophrenie seiner Hauptfigur (naiver Junge und Monster zugleich) immer wieder Momente von diabolischem schwarzen Humor abzugewinnen. Das wirkt wie eine Falle, die der Filmemacher seinem Publikum stellt.

2011 hatte Lars von Trier in Cannes mit seiner Aussage, dass er "ein bisschen" mit Adolf Hitler sympathisiere, einen Skandal ausgelöst und war von der Festivalleitung zur unerwünschten Person erklärt worden. In der Folgezeit gesellten sich zur allgemeinen Bewunderung für den Ausnahmeregisseur zunehmend Spott und Häme angesichts merkwürdiger Äußerungen und Gesten. Wie eine einzige große Geste kommt letztlich auch "The House That Jack Built" daher. Als ob von Trier sagen wollte: "Ihr seht in mir ein Monster? Ihr seid doch selbst nicht besser!" Diese egozentrische Frage scheint für Lars von Trier allmählich zur Obsession zu werden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Film
Wilder Ritt
Lars von Triers "Nymphomaniac" (2014)