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Seit 1962 kleidete sich Tom Wolfe rund ums Jahr in Weiß und krönte seine Erscheinung hin und wieder mit einem Zylinder.
Seit 1962 kleidete sich Tom Wolfe rund ums Jahr in Weiß und krönte seine Erscheinung hin und wieder mit einem Zylinder.
Analyst menschlicher Schwächen
US-Schriftsteller Tom Wolfe ist tot
Seine Bücher verkauften sich millionenfach und wurden erfolgreich verfilmt. Mit dem Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" schaffte es Tom Wolfe in den Literatur-Olymp, zog sich aber zugleich die Kritik des literarischen Establishments zu. Am 14. Mai 2018 ist der US-Schriftsteller und Journalist im Alter von 87 oder 88 Jahren in Manhattan gestorben.
Ganz in Weiß, mit Maßanzug und Hut, so ist Tom Wolfe seit 1962 eine unverwechselbare Erscheinung. Eigenen Angaben soll er zwischenzeitlich bis zu 40 cremefarbene Maßanzüge in seinem Schrank hängen gehabt haben. Um sein Alter machte der Journalist, Sachbuch- und Romanautor gerne ein Geheimnis. Während einige Quellen 1931 als Geburtsjahr angeben, spricht die New Yorker Stadtbibliothek, die Wolfs Archiv kaufte, von 1930. Wolfe, der aus einer reichen Professoren- und Plantagenbesitzerfamilie in Richmond (US-Bundesstaat Virginia) stammt, wurde schon früh von seiner Mutter mit den Künsten in Berührung gebracht, lernte Ballett- und Stepptanz, zeichnete und las viel. Er studierte an der Elite-Universität Yale und wurde Journalist. Über Zeitungsjobs landete er schließlich in New York. Mit seinen literarischen Gesellschaftsreportagen prägte Wolfe in den 1960er Jahren den Begriff des "New Journalism", der literarisches und nichtfiktionales mischt.

Kritik vom Establishment
1987 erschien Tom Wolfes Romandebüt "Fegefeuer der Eitelkeiten", in dem er die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien beschreibt. Das Buch wurde ein Welterfolg und mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt. Doch Wolfes Romane polarisierten auch. Die Großen der US-amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike bezeichneten sie als "Massenunterhaltung, aber keine Literatur". Auch John Irving lästerte schon über die "Geschwätzigkeit" seines Kollegen und erklärte sich unfähig, Wolfes ersten Roman zu Ende zu lesen. Der Südstaatler galt als eitler Selbstdarsteller, als "Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber" ("Guardian"), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschrieb. Wolfe leugnete das nie. "Wenn die meisten Schriftsteller ehrlich mit sich selbst wären, würden sie zugeben, dass sie nur das erreichen wollen: Vorher nahm sie niemand wahr, jetzt schon."

Trotz aller Kritik gilt Wolfe mit seinen Reportagen, der Sammlung "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" (1965), "Die Helden der Nation" (1979) und seinen Romanen - drei dicken Schwarten mit jeweils Hunderten von Seiten - als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde liefert.

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