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Regisseur Pawel Pawlikowski (l.) und seine Schauspieler Joanna Kullig und Tomasz Kot beeindruckten mit ihrem Film "Cold War" in Cannes.
Liebe in düsteren Zeiten
Pawlikowskis "Cold War" und Jia Zhang-Kes "Ash Is Purest White"
Erstmals war Pawel Pawlikowski vor 20 Jahren mit "The Stringer" in eine Nebenreihe nach Cannes eingeladen. Spätestens seit "Ida" (2013), für den er den Europäischen Filmpreis und einen Oscar gewann, wird der polnisch-englische Regisseur international hoch gehandelt. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen neuen Film "Cold War" ("Kalter Krieg"). Er hinterließ einen starken Eindruck und gehört inzwischen zu den Favoriten im Wettbewerb.
Auf den ersten Blick fallen die Ähnlichkeiten mit "Ida" auf. Pawlikowski hat wieder mit seinem Kameramann Lukasz Zal zusammengearbeitet, wieder hat er in schwarz-weiß im klassischen Academy Format 4:3 gedreht. Auch "Cold War" ist eine Zeitreise in die polnische Nachkriegsgeschichte und umspannt den Zeitraum von 1949 bis 1959. Es ist die Epoche einer rigiden Kulturpolitik, man feiert die bäuerliche Tradition, singt nationalistische Lieder und Lobeshymnen auf den großen Führer Stalin. Der Komponist und Pianist Tomasz stellt im Nachkriegspolen ein Folklore Ensemble zusammen und verliebt sich in die Sängerin Zula. Bei einem Konzert in Berlin will er sich mit ihr in den Westen absetzen. Aber sie lässt ihn sitzen.

Tomasz geht nach Paris, wo er Filme vertont und in einem Jazzclub auftritt. Eines Tages steht Zula vor der Tür. Sie nimmt sogar eine Platte mit ihm auf, aber ihr gemeinsames Leben in Paris endet im Streit. Zula geht zurück nach Polen. Tomasz folgt ihr einige Zeit später und landet wegen seiner Flucht im Lager. In dichten schwarz-weiß Bildern erzählt Pawlikowski die Geschichte einer großen Liebe vor dem Panorama des Kalten Krieges. Von einem Paar, das es nicht miteinander aushält, aber auch nicht ohne einander sein kann. Pawlikowski hat den Film seinen Eltern gewidmet, die zusammen mit ihm Polen verlassen hatten, als er noch ein Kind war. Wie er in der Pressekonferenz erklärte, ließ er sich von ihrer Biografie inspirieren und gab den Protagonisten sogar ihre Namen. "Cold War" ist das präzise komponierte Portrait einer Epoche, in der Leidenschaft und Politik aufeinanderstoßen. Romeo und Julia im Kalten Krieg. Eine große Liebesgeschichte geprägt von einem Gefühl bitterer Nostalgie.

Eine bittere Liebe vor dem Hintergrund Chinas im Wandel
© AP Jia Zahngke (l.) hat seine Frau Zaho Tao und Liao Fan (r.)in den Hauptrollen besetzt.
Jia Zahngke (l.) hat seine Frau Zaho Tao und Liao Fan (r.)in den Hauptrollen besetzt.
Von einer bitteren Liebe erzählt auch der chinesische Wettbewerbsbeitrag "Ash Is Purest White" ("Asche ist das reinste Weiß"). Der Regisseur Jia Zhang-Ke hat einen großen Namen in der internationalen Filmszene. Vor fünf Jahren gewann er in Cannes den Drehbuchpreis für "A Touch of Sin", ein illusionsloses Portrait sozialer Spannungen, die sich in Gewalt entladen. Auch in seinem neuen Film verbindet er einen dokumentarischen Blick mit poetischer Einfühlung in menschliche Schicksale. Der erste Teil spielt im kriminellen Milieu der Provinz Shanxi. Qiao ist die Geliebte von Mr. Bin, einem Gangster, der in der Unterwelt von Datong das Sagen hat. Sie träumt von einem Familienleben mit Kindern, aber er hat keine Zeit dafür. Bei einer Schießerei nimmt sie die Schuld auf sich und geht für ihn ins Gefängnis. Als sie nach fünf Jahren entlassen wird, hat er längst eine andere Frau und will von ihr nichts mehr wissen. Alles hat sich verändert. Aus den ehemaligen Gangstern sind Geschäftsleute mit respektablen Büros geworden. Qiao erkennt die Welt nicht wieder, die sie vor fünf Jahren verlassen hat.

Der Film umfasst eine Zeitspanne von 2001 bis zur Gegenwart. Eine Zeit rasanter Veränderungen in der chinesischen Gesellschaft. Parallel hat sich auch die Karriere von Jia Zhang-Ke entwickelt, von dokumentarischen Anfängen zu seinem aktuellen Film, in dem er zum Teil an Schauplätze früherer Filme wie den Drei-Schluchten-Staudamm zurückkehrt. "Ich wollte davon erzählen wie die Umwälzungen, die China in diesen Jahren erlebt hat, sich auf die Gefühle der Menschen niederschlagen", sagte der Regisseur in der Pressekonferenz. Diese Transformationen mit ihren Bevölkerungsumsiedlungen und gigantischen Bauprogrammen bilden den Hintergrund der privaten Geschichte. Eine Liebe, die in tiefer Desillusion endet. Wieder hat Jia Zhang-Ke die Hauptrolle mit seiner Frau Zhao Tao besetzt. Mit bravouröser Wandlungsfähigkeit spielt sie die Figur der Qiao und dürfte gute Chancen auf den Preis als beste Darstellerin haben.

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(08.05.2018)