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Die 87-jährige Kinolegende Jean-Luc Godard ließ sich per Smartphone zur Pressekonferenz zuschalten.
Wühlen im Papierkorb der Kinogeschichte
Kinolegende Jean-Luc Godard überrascht mit Video-Pressekonferenz
Halbzeit in Cannes: Einen historischen Moment gab es aber bereits. Kinolegende Jean-Luc Godard reiste zwar nicht zur Premiere seines neuen Films "Le Livre D'Image" ("Image Book") an, ließ sich aber am 12. Mai 2018 überraschend per Smartphone zur Pressekonferenz zuschalten.
Der Name Godard steht für "Außer Atem" mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, für die Swinging Sixties, aber auch für eine Politisierung des Kinos und seit ein paar Jahren für intellektuelle Home-Movies über die Künste und die Geschichte, die Godard aus seinem Schweizer Domizil heraus zuletzt regelmäßig nach Cannes schickte. Berühmt ist Godard außerdem für seine Zen-artigen Kino-Weisheiten. Ein Film brauche einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss, aber nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Was es damit auf sich habe, wurde Godard in der Pressekonferenz gefragt, zu der der inzwischen 87-Jährige via Smartphone zugeschaltet war. Das sei bloß eine polemische Reaktion auf Spielberg und das Aufkommen der Hollywood-Blockbuster gewesen, damals in den 1970er Jahren, sagt er.

Grausamkeiten und Schönheit im reißenden Strom der Bilder
"Meine Filme sind dann fertig, wenn sie auseinander genommen sind" - ist auch so ein Spruch von Godard. Einer, der tatsächlich hilfreich erscheint, in der Beschäftigung mit seinem neuen Werk "Image Book". In der Komposition aus Archivbildern erzählt Godard (auch als Sprecher aus dem Off) anhand historischer und gegenwärtiger Beispiele vom Krieg und speziell auch von einer arabischen Welt, die sich der Westen kaum je als glückliche und friedliche habe vorstellen können. Im reißenden Strom der Bilder sind Grausamkeiten des IS andeutungsweise zu sehen, aber auch historische Landschaften von betörender Schönheit. Das Ganze hat etwas Leidenschaftlich-Meditatives, ein Wühlen im Papierkorb der Kino- und der Kunstgeschichte, sowie der Nachrichten.

Bilder und Toene sind dabei manchmal entkoppelt, es gibt Bilder ohne Töne, Töne ohne Bilder. Alles wird in Relation zueinander gesetzt - und so gewissermaßen in seiner Wirkung begreifbar (Godard proklamiert ein "Denken mit den Händen", wie es vielleicht auch in der Wortbedeutung von "begreifen" mitschwingt.) Schließlich die Frage: Welche Bilder geben am Ende des Films, am Ende des Lebens, möglichst einfach und unmittelbar das Gefühl von Hoffnung wider, bevor alles schwarz wird? "Only fragments bear the mark of reality", sagt Godard mit Bertolt Brecht, "nur Fragmente verkörpern die Realität", die Realität besteht aus Fragmenten. So gesehen ist "Image Book" auch eine Einladung, sich auf die Überforderung durch den rauschenden Bilder- und Gedankenstrom einzulassen. Viele der Bruchstücke in "Image Book" sind für sich genommen jedenfalls inspirierender und aufregender als Stunden gediegener Unterforderung, wie sie der Wettbewerb von Cannes bislang ebenfalls zu bieten hatte.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr