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Regisseur Ryan Coogler brachte seine Frau Zinzi Evans mit nach Cannes, die ihn am Filmset unterstützt.
Rendezvous mit Regisseuren
Cannes bringt Zuschauer und Filmemacher zusammen
Das Festival in Cannes will ausdrücklich und verstärkt jüngere Kinogänger ansprechen. Die neue Reihe "Rendezvous avec ..." bringt Zuschauer und Regisseure einander näher. Unser Kritiker Maik Platzen war beim "Rendezvous" mit "Black Panther"-Regisseur Ryan Coogler.
Manche Rituale werden in Cannes mit geradezu religiöser Inbrunst zelebriert, wenn man etwa an den roten Teppich denkt, auf dessen Stufen die Gäste vorschriftsgemäß gekleidet ins Palais wie in einen Tempel emporsteigen. Dann wieder versteht sich das Festival auch als Schule, die den Besuchern in den letzten Jahren immer jeweils eine "Lecon de Cinéma" erteilt hat: Ein ausgesuchter internationaler Filmstar stand dem französischen Kritiker-Papst Michel Ciment 90 Minuten lang Rede und Antwort. In diesem Jahr ist vieles anders: Statt einer einzelnen Unterrichtsstunde heißt es nun offiziell viermal "Rendezvous avec...", mit angesagten Filmemachern und Schauspielern. Deutlich ist der Wunsch des Festivals spürbar, ganz ausdrücklich und verstärkt jüngere Kinogänger anzusprechen. (Aus diesem Grund hat Cannes 2018 auch erstmals offiziell 1500 "Film Lovers" zwischen 18 und 28 Jahren zu "3 Tagen in Cannes" eingeladen.)

"Black Panther"-Regisseur Ryan Coogler im Gespräch
Im Mittelpunkt der ersten Begegnung stand am 10. Mai der Regisseur Ryan Coogler, dessen aktueller Film "Black Panther" gerade bei uns in den Kinos läuft. In einem lockeren Gespräch mit dem afro-amerikanischen Journalisten Elvis Mitchell plauderte die Regie-Hoffnung aus Hollywood entspannt über die ziemlich steile Karriere, die 2013 mit "Fruitvale Station" unter anderem in Cannes begann, dann über den Boxer-Film "Creed" mit Michael B. Jordan und Sylvester Stallone rasch zu "Black Panther" führte.

Auch wenn das Marvel-Studio bei Coogler, wie er berichtet, einen "schwarzen James Bond" in Auftrag gab, und manche "Black Panther" vielleicht bloß als eine weitere Comic-Verfilmung abtun, ist der Film für Coogler und viele Fans doch unendlich viel mehr als das: Er repräsentiert einen Dialog zwischen dem afrikanischen Kontinent und der afro-amerikanischen Diaspora. Wie stark dieser Community-Gedanke bei Coogler und vielen anderen präsent ist, wurde eindrucksvoll deutlich, aber auch wie stark das Trauma des Kolonialismus fortwirkt. Nie habe er sich wirklich vorstellen können, jemals 30 zu werden, berichtet Coogler beiläufig. Mit 25 Jahren seien schließlich so viele junge schwarze Amerikaner tot oder im Gefängnis.

Auch Cooglers leidenschaftlicher Blick auf "weiße" Popkultur ist geleitet von diesem Über-Thema: "Der Pate" als Erfahrung des Nicht-Ganz-Dazugehörens und sich Anpassen-Müssens. Sogar die "Twilight"-Saga mit ihrer unheimlichen Zwischenwelt. Souverän wechselt Coogler immer wieder die Tonart. Charmant und persönlich berichtet er beispielsweise von der Prägung durch seine Mutter, die - immer auf dem neuesten Stand der Technik und Kino-Fan - ihrem Sohn schon als kleines Kind jeweils vorspielt, was sie gesehen hat. Hollywood quasi zum Anfassen, das gibt es so wohl nur in Cannes. Schade nur, dass das Gespräch nicht ab und zu - wie in früheren Jahren, bei den althergebrachten Unterrichtsstunden - durch Ausschnitte aus Filmen (denen von Coogler und denen seiner Vorbilder) - ergänzt und strukturiert wurde. Hier hätte dem Rendezvous ein bisschen mehr Schule ganz gut getan. Aber vielleicht wird das bei den nächsten Rendezvous - mit dem Regisseur Christopher Nolan und den Schauspielern John Travolta und Gary Oldman - anders.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Film
Erschossen auf dem Gleis
Ryan Cooglers Film "Fruitvale Station"