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Carey Mulligan spielt eine zunehmend mutiger werdende Mutter in den 1950er Jahren in Paul Danos Regiedebüt "Wildlife". "Nie war sie besser", sagt unser Kritiker Maik Platzen.
Erneuerung des US-Kinos
Paul Danos Regiedebüt "Wildlife" überzeugt in Cannes
Hollywood und das US-amerikanische Kino scheinen in Cannes 2018 weniger präsent zu sein als sonst, haben aber einiges zu bieten. Zum Beispiel "Wildlife", das Regiedebüt des Schauspielers Paul Dano, berichtet unser Kritiker Maik Platzen.
Die US-Filme sind in Cannes 2018 vor allem stärker auf die verschiedenen Festivalsektionen verteilt. In der "Semaine De La Critique" beispielsweise war zur Eröffnung das Regiedebüt des Schauspielers Paul Dano zu sehen, mit Jake Gyllenhaal und Carey Mulligan in den Hauptrollen. "Wildlife", die Verfilmung von Richard Fords Roman gleichen Titels, ist eine der schönsten Entdeckungen bislang an der Croisette. Einen so subtilen, reifen, heiter-melancholischen Film hatten dem 33-jährigen Regie-Newcomer Dano - als Schauspieler bekannt aus Filmen wie "There Will Be Blood" oder "Little Miss Sunshine" - wohl nur die wenigsten zugetraut.

"Wildlife" spielt in den späten 1950er Jahren im US-Bundesstaat Montana und erzählt von Joe Brinson, einem 14-jährigen Teenager, der mit seinen Eltern in einem schlichten Bungalow zur Miete lebt. Jerry, stolzer Vater und leuchtendes Vorbild für Joe, arbeitet auf dem örtlichen Golfplatz. Als er seinen Job verliert, weil er mit den gesellschaftlich weit über ihm rangierenden Kunden zu freundlich und persönlich umgeht, hält fortan seine Frau Jeanette die Familie mit kleinen Jobs über Wasser.

Spannende Coming-Of-Age-Geschichte
Wie zuletzt die Schauspielerin Greta Gerwig mit ihrem Oscar-nominierten Regiedebüt "Ladybird", schafft es auch Paul Dano, eine Coming-Of-Age-Geschichte neu und aufregend zu erzählen. Es ist ungemein spannend zu sehen, wie sich die Rollen der Eltern schleichend verändern, wie Joe seine Eltern zusehends entgleiten, und wie - nach einigen kleineren Katastrophen - vor allem die Liebe Joes zu seinen Eltern das Band bleibt, das die drei zusammenhält. Joe wird erwachsen in dem Maße, in dem seine Eltern ihre eigene Verzweiflung nicht mehr vor ihm verbergen, so als wollten sie ihm demonstrieren, dass Eltern im Grunde auch nicht besser wissen, wie man lebt. Vieles dabei funktioniert über Blicke, in denen sich Abgründe widerspiegeln, aber auch der Wagemut und die Entschlossenheit, diese Abgründe zu überqueren. Die Grundstimmung ist melancholisch, aber keinesfalls verzweifelt.

Wir sehen Amerika zu einer Zeit, in der die Provinz noch kein "Flyover Country" ist, und der Anspruch an sich selbst weitverbreitet, es durch Fleiß und einen kultivierten Lebensstil zu etwas zu bringen. Was den Film zudem so besonders macht, ist neben den großartigen Performances von Jake Gyllenhaal als enigmatischem Vater (perfekt besetzt) und Carey Mulligan als zunehmend mutiger werdender Mutter (selten war sie besser), ist nicht zuletzt die großartige Kamera-Arbeit. "Wildlife" rekonstruktiert die 1950er Jahre nicht so glamourös-schwelgerisch wie zuletzt etwa Todd Haynes in seinem Film "Carol", der erkennbar an den Farbfotografien Saul Leiters orientiert war. Paul Danos Kameramann Diego García scheint jedoch ebenfalls von Farbfotografien dieser Ära beeinflusst: Viele Einstellungen und Bildkompositionen in "Wildlife" sind von einer zarten, nüchternen Poesie, wie sie die Arbeiten von Fred Herzog auszeichnet. In jedem Fall ist Danos Debüt ein weiteres Beispiel für eine Erneuerung des US-Kinos, die sich an der Schnittstelle von Hollywood und dem US-Independent-Kino derzeit vollzieht.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
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© UpimediaVideoGreta Gerwigs "Ladybird"
Kulturzeit Online-Tipp vom 19.04.2018