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Der Russe Kirill Serebrennikow steht unter Hausarrest und darf nicht zum Filmfest Cannes kommen. Seine Crew nutzte den roten Teppich für eine gefeierte Protestaktion.
Punk und Protest
Kirill Serebrennikows "Leto" erster Höhepunkt in Cannes
Allmählich nimmt das Festival in Cannes Fahrt auf. Mit "Leto" ("Sommer") von Kirill Serebrennikow gab es einen ersten Höhepunkt im Wettbewerb, sagt unser "Kulturzeit"-Filmexperte Peter Paul Huth.
Der Regisseur Kirill Serebrennikow durfte selbst nicht zur Premiere seines Films "Leto" nach Cannes kommen, da er in Moskau unter Hausarrest steht. Das Festival hatte sich über das französische Außenministerium direkt an Russlands Präsidenten Wladimir Putin gewandt. Doch der verwies lapidar auf die Unabhängigkeit der russischen Justiz. Man wirft Serebrennikow Veruntreuung von Geldern für das von ihm geleitete Gogol-Theater vor. "Eine absurde Anschuldigung", wie der Produzent Ilya Stewart auf der Pressekonferenz sagte. Serebrennikow war während der Dreharbeiten im August 2017 verhaftet worden, die restlichen Szenen mussten ohne ihn realisiert werden. Immerhin konnte er zuhause den Schnitt fertig stellen. Doch immer noch steht er unter Hausarrest. Inzwischen gibt es eine internationale Bewegung, die unter dem Motto "Free Kirill" seine Freilassung fordert und auch in Russland breite Unterstützung findet.

Russische Punkszene der 1980er
"Leto" ist eine Zeitreise in das Leningrad der frühen 1980er Jahre, zu den Anfängen der russischen Punk- und Rockszene. Junge Musiker begeistern sich für Lou Reed und David Bowie. Sie wollen ihren ausländischen Idolen nacheifern und entwickeln dabei einen eigenen musikalischen Stil. Im Mittelpunkt steht Viktor Tsoi, ein ehrgeiziger junger Musiker, der versucht, sich in der Szene einen Namen zu machen. Sein großes Vorbild ist Mike, der musikalische Kopf der Leningrader Underground-Szene. Viktor Tsoi wurde später ein großer Star, eine Kultfigur, dessen Lieder in Russland jeder kennt. Atmosphärisch dicht fängt die Kamera das Lebensgefühl dieser unangepassten Jugendlichen ein. Der Film folgt ihnen durch Hinterhöfe und verrauchte Kommunalwohnungen, wo sie zusammen Musik machen und über ihre Texte diskutieren. Diese müssen der Zensur vorgelegt werden, bevor die Bands im lokalen Rock-Club auftreten dürfen. Hier muss das Publikum ordentlich auf Stühlen sitzen, beaufsichtigt wie bei einer Schulveranstaltung. In einer Art Traumsequenz durchbricht der Film diesen starren Rahmen und verwandelt die Szenerie in ein wildes Club-Konzert.

Durchgängig in Schwarz/Weiß gedreht unterbricht Serebrennikow die realistische Erzählung durch Farbsequenzen und Szenen, die durch Animation verfremdet werden. Das gibt dem Film eine gewisse Leichtigkeit, während der durchgängige Ton eher melancholisch ist. Eine Stimmung, die auch die Liebesbeziehung zwischen Viktor und Natacha, der Frau seines Mentors Mike, prägt. Die vorsichtige Annäherung zwischen den beiden wird in leisen Tönen erzählt, in deutlichem Kontrast zur Laustärke der Musik. Melancholisch ist auch das Ende des Films, wenn man erfährt, wie jung die beiden Musiker gestorben sind - Viktor Tsoi schon mit 28 Jahren. "Bei allem, was Kirill macht, sei es im Theater, Ballett oder Film, geht es immer um heute", sagte Produzent Ilya Stewart auf der Pressekonferenz. So erzählt "Leto" einerseits vom Drang nach Freiheit und einer Zeit des kreativen Aufbruchs in den frühen 1980er Jahren. Andererseits ist der Wunsch nach künstlerischer Freiheit jenseits von Zensur und Bevormundung ein drängendes Thema auch im Russland von heute.

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