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Mit ihren weißen Kopftüchern und ihrer Beharrlichkeit sind sie zu einer Institution und zur wohl bedeutendsten Menschenrechtsorganisation Argentiniens geworden: die "Madres de plaza de mayo".
Geschichten des Ungehorsams
Die Kinder der Täter der argentinischen Militärdiktatur formieren sich
Sieben Jahre lang - von 1976 bis 1983 - wurden in Argentinien unter der Militärdiktatur ungeheure Verbrechen gegen die Menschheit verübt: Folter, Menschenraub, Zwangsadoptionen, Mord. Viele Nachkommen der Diktaturverbrecher brechen heute ihr Schweigen. Sie haben sich zusammengeschlossen und erzählen: "Ungehorsame Geschichten".
Laut Amnesty International wurden damals mindestens 30.000 Menschen ermordet. So startete ab Ende der 1970er Jahre jeden Mittwoch ein Flugzeug in Buenos Aires. An Bord: 10 bis 15 Gefangene, die danach nie wieder gesehen wurden. Ein ehemaliger Flugkapitän sagte später aus, man habe ihnen erzählt, dass sie zur Erholung in den Süden geflogen würden. "Ihnen wurde brasilianische Musik vorgespielt, zu der sie dann Freudentänze aufführen sollten." Danach wurden sie mit Schlafmitteln betäubt und aus 3000 Metern Höhe lebendig über dem Wasser abgeworfen. Das Schicksal vieler Menschen ist nach wie vor ungeklärt. Die Sicherheitskräfte verscharrten die Leichen ihrer Opfer in anonymen Massengräbern oder warfen sie aus Flugzeugen in den Rio de la Plata.

Die Kinder der Täter
2010 outete sich zum ersten Mal das Kind eines Täters: die Tochter eines ehemaligen Polizeikommissares und Folterers. Zu einer Gruppe schlossen sich 2017 etwa 50 Kinder von Tätern zusammen. Sie brechen mit dem Schweigegebot der Täterfamilien und nennen sich deshalb: "Ungehorsame Geschichten". Für viele Nachkommen der meisten Töchter und Söhne argentinischer Diktaturverbrecher ist es ein Befreiungsschlag, aus der Anonymität zu treten, der Zusammenschluss zu einer öffentlich sichtbaren Gruppe zweifellos persönlich befreiend. In ihren Familien aber führt das zu großen Konflikten, in vielen Fällen zum Bruch - wie Erika erzählt:


Viele der Täterkinder legen aus Abscheu vor den Verbrechen ihrer Väter ihre Nachnamen ab. Nicht so Lili:


Die Kraft der Frauen
Mit ihren weißen Kopftüchern und ihrer Beharrlichkeit sind sie zu einer Institution und zur wohl bedeutendsten Menschenrechtsorganisation Argentiniens geworden: die "Madres de plaza de mayo". Am 30. April 1977 fanden sie den Mut, auf dem Hauptplatz von Buenos Aires erstmals nach dem Verbleib ihrer Kinder zu fragen. Bis heute rufen sie zum Jahrestag des Militärputsches zum Protest auf. Dann schließen sich ihnen zehntausende Argentinier an. Auch die Großmütter kämpfen. Die "Abuelas de Plaza de Mayo" haben sich vor allem zur Aufgabe gemacht, das Schicksal der geraubten Kinder der "Verschwundenen" zu klären. Hunderte Babys wurden verhafteten Müttern während der Diktatur weggenommen und zur Adoption in regimetreue Familien gegeben. Viele von ihnen kennen bis heute ihre wahre Herkunft nicht. Mit DNA-Proben und Datenbanken versuchen die Abuelas, solche Fälle zu klären. Auch in der Gruppe der Täterkinder spielen Frauen die größte Rolle.


4. Die juristische Forderung
Die Täter-Kinder outen sich nicht nur öffentlich, sondern wollen auch zur Aufklärung der Verbrechen beitragen. Viele von ihnen verfügen über Wissen und belastendes Material. Aber bisher verbietet es das argentinische Prozessrecht, gegen enge Familienangehörige auszusagen. Die Aussage von Personen gegen Familienangehörige ist bisher in Argentinien juristisch nicht möglich. Die Gruppe "Ungehorsame Geschichten" hat deshalb 2017 im Parlament eine Änderung des Prozessrechtes beantragt. Sie fordern keine Aussagepflicht, aber ein Aussagerecht.

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