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Farid Bang und Kollegah - umstritten schon als Nominierte.
Farid Bang und Kollegah - umstritten schon als Nominierte.
Echo-Eklat
Diskussion um den Preis weitet sich aus
"0815" heißt der Song, die Reaktionen darauf sind alles andere als lapidar: Antisemitismusvorwürfe gegen die Rapper Kollegah und Farid Bang überschatteten schon im Vorfeld die Echo-Verleihung. Dann bekamen die beiden tatsächlich einen Preis in der Kategorie Hip-Hop Urban National - und seitdem steckt das System Echo massiv in der Krise. Jüngste Reaktion: Daniel Barenboim und auch Christian Thielemann wollen ihre Preise zurückgeben. Das Leipziger Gewandhaus jedoch nicht.
Man werde die Preise nicht zurückgeben, aber aus dem Foyer räumen, sagte Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz der "Sächsischen Zeitung". "Anders als beim Pop-Echo bewertet eine elfköpfige Jury die künstlerische Leistung, die auf einem Tonträger veröffentlicht wurde", sagte Schulz zu Begründung. "Das Urteil der Fachjury kann ja nicht einfach zurückgenommen werden und besteht unabhängig davon, dass die Pop-Echo-Jury bei der diesjährigen Verleihung eine unverantwortliche Entscheidung getroffen hat."

Anders Daniel Barenboim - in einer Pressemitteilung heißt es unter anderem:

"Meinungsfreiheit und Freiheit in der Kunst gehören zu den wichtigsten Errungenschaften und Werten einer demokratischen und offenen Gesellschaft. Mit jeder Freiheit kommt aber auch eine Verantwortung: unsere Verantwortung, die errungenen Freiheiten so zu nutzen, dass auch die Freiheit eines jeden anderen Menschen und Andersdenkenden bestehen kann - ebenso wie die Verantwortung, andere Menschen in ihrer Würde zu achten und zu respektieren. [...] Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und die offene Verachtung von vermeintlich Schwächeren und Minderheiten sind ein Missbrauch von Freiheit, den wir als Gesellschaft niemals tolerieren dürfen. Wir müssen uns geschlossen gegen solche Stimmen erheben und dürfen sie nicht auch noch dadurch bestärken, dass wir sie mit Preisen auszeichnen und dadurch legitimieren. [...]

Im Gegenteil, wir müssen heute mehr denn je für Menschlichkeit, gegenseitige Achtung und Empathie kämpfen. In diesem Geist habe ich mich, gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin und dem West-Eastern Divan Orchestra, entschieden, unsere Auszeichnungen geschlossen zurück zu geben. Kommerzielle Interessen dürfen nicht überwiegen, wenn es um so essenzielle Fragen des Anstands und unserer Menschlichkeit geht.

Thielemann hofft, dass "andere Künstler nicht zögern, das auch zu tun"
Dirigent Christian Thielemann und die von ihm geleitete Sächsische Staatskapelle haben ebenfalls angekündigt, ihre Auszeichnungen zurückgegeben. "Ich hoffe, dass andere Künstler nicht zögern, das auch zu tun", so Thielemann. "Das müsste eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit sein" sagte Thielemann der "Welt am Sonntag".

Alles entzündete sich an den Textzeilen: "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" aus eben dem Song "0815" vom gemeinsamen Album der beiden Rapper "Jung, Brutal, Gutaussehend 3". Der Ethik-Beirat des Musikpreises hatte vor der Vergabe die Textzeilen der Rapper kritisiert, aber gegen einen Ausschluss von der Verleihung votiert. Der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, erklärte, der Beirat habe sich in Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Nichtzulassung zugunsten der Kunstfreiheit durchgerungen. Nach der Verleihung revidierte er: "Diese Entscheidung war ein Fehler" - und kündigte seinen Rücktritt aus dem Beirat an. Unzweifelhaft stünden die Mitglieder des Beirats ohne Wenn und Aber gegen Antisemitismus, Hass und Gewalt. Doch seien die derzeitigen Regeln zur Preisvergabe "gesellschaftlich nicht mehr tragbar".

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<b>Echo-Reaktionen</b><br />(13.04.2018) © dpa
Echo-Reaktionen
(13.04.2018)
<b>Antisemitismus im Rap</b><br />(12.04.2018) © dpa
Antisemitismus im Rap
(12.04.2018)
<b>Stimmen zum Echo: Igor Levit</b><br />(18.04.2018) © ZDF
Stimmen zum Echo: Igor Levit
(18.04.2018)

 

Grütters kritisiert Versagen des Ethik-Beirats
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte am 17. April 2018: Das Versagen des Ethikrates sei besonders bitter. "Ganz offensichtlich braucht es ein Innehalten, um den eigenen künstlerischen Anspruch und ethische Maßstäbe zu schärfen." Die Freiheit der Kunst sei in Deutschland garantiert, "aber sie hat ihre Grenzen da überschritten, wo Holocaust-Opfer verhöhnt werden", so Grütters. "Wie dehnbar der Begriff der Kunst ist, sieht man, wenn er wie hier gelten soll für eine Ansammlung stumpfer Plattheiten, antisemitischer Ausfälle und frauenfeindlicher Beleidigungen." In diesem Fall gehe es nicht mehr um Fragen des Geschmacks, sondern um die Verantwortung der Künste und der Künstler für das Gemeinwesen. "Dass Songs mit Texten, die menschenverachtende und herabwürdigende Passagen enthalten, von der Musikindustrie ausgezeichnet werden, offenbart die Fragwürdigkeit eines Preises, der nur auf Erfolg an der Kasse setzt."


Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke, kündigte mittlerweile eine Überarbeitung des Preises an. Das schließe eine umfassende Erneuerung der Mechanismen von Nominierung und Preisvergabe ein. Aus dem Ethikbeirat des Preises sind inzwischen der Präsident des Deutschen Kulturrates, Christian Höppner, und der Präsident des Deutschen Musikrates, Martin Maria Krüger, ausgetreten. Mehrere Musiker wollen ihre Auszeichnungen zurückgeben, so etwa Musiker Marius Müller-Westernhagen. Zuvor hatten dies bereits das Notos-Quartett, der Beatles-Wegbegleiter Klaus Voormann, der Pianist Igor Levit, der Dirigent Enoch zu Guttenberg, der Violinist Andreas Reiner und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Chefdirigent Mariss Jansons angekündigt.

© dpa Peter Maffay forderte Rücktritte der Verantwortlichen.
Peter Maffay forderte Rücktritte der Verantwortlichen.
Der Sänger Peter Maffay forderte die Verantwortlichen des Echos zum Rücktritt auf. Die Echo-Veranstalter reagierten auf die Kritik und die Rückgabe der Preise mit Bedauern: "Wir hoffen, dass die Künstler trotzdem die Debatte mit uns weiter führen, in der es um mehr als um diesen Musikpreis geht", hieß es auf der Facebook-Seite des Preises. Zudem bezeichneten sie die Vergabe an Farid Bang und Kollegah in einem Brief an die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, als "Fehler". "Wir entschuldigen uns ausdrücklich dafür - bei Ihnen und allen anderen Menschen, deren Gefühle wir verletzt haben."


Auschwitz-Überlebende: Debatte über Echo hinaus führen
Das "Internationale Auschwitz Komitee" begrüßte die solidarischen Reaktionen. "Offensichtlich ist durch diese Echo-Verleihung die latente Überziehung junger Menschen durch stupide Hass und Gewalt- und Aggressionsbotschaften fragwürdiger Vorbilder besonders ins Bewusstsein gerückt und auch als ein Problem erkannt worden, an was wir uns offensichtlich längst gewöhnt haben", heißt es in einer Mitteilung vom 18. April 2018. Es wäre für die Überlebenden des Konzentrationslagers dennoch "ganz falsch", die Debatte ausschließlich auf den Musikpreis Echo zu beziehen. "Wo reagiert die Gesellschaft, die Medienindustrie, wo schlafen die juristisch Verantwortlichen, die entsprechenden Prüfstellen?" Der Hass gegenüber Juden, der sich aktuell auch auf deutschen Schulhöfen austobe, die Diskriminierung anderer Schüler durch agressive und medial hochgeputschte Kids sei ein überdeutliches Signal, dass in der Gesellschaft über dieses Phänomen breit nachgedacht und gehandelt werden müsse.

Am Abend der Echo-Verleihung hatte Campino von den Toten Hosen in seiner Dankesrede für den Preis in der Kategorie Rock National den Rappern die Leviten gelesen und gefragt: Wo hört die künstlerische Freiheit auf und wo ist die Grenze? Er kenne sich als Sänger der Toten Hosen mit Provokation aus. Sie könne konstruktiv sein. Doch: "Wann ist die moralische Schmerzgrenze erreicht?", fragte Campino weiter. "Wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme und antisemitische Beleidigungen geht", sei für ihn die Grenze überschritten. Es gehe doch "vielmehr um einen Geist, der zur Zeit überall präsent ist", betont der 55-Jährige. "Nicht nur in der Musik, sondern auch in den sozialen Medien, im täglichen Fernsehtrash und in der Politik." Musikmoderator Peter Illmann ("Formel Eins") forderte am 18. April "auch die jüngeren Künstler wie Helene Fischer oder Mark Forster auf, sich wie Maffay und Westernhagen von Texten, die Gewalt verherrlichen oder antisemitisch sind, zu distanzieren". Illmann rief zudem dazu auf, das umstrittene Album zu boykottieren.

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Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
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