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Der Nachfolger von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne hatte es schwer.
Dercon tritt zurück
Volksbühnen-Intendant wirft das Handtuch
Chris Dercon gibt auf. Nur wenige Monate nach dem Start seiner ersten Spielzeit an der Berliner Volksbühne im Sommer 2017 räumt der umstrittene Intendant schon wieder den Chefsessel. Dem Belgier war seit seiner Berufung massive Kritik aus der Kulturszene entgegengeschlagen.
Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) teilte am 12. April 2018 mit, er sei mit Dercon übereingekommen, dass dessen Konzept "nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht". Man hätte sich "einvernehmlich darauf verständigt", die Intendanz des 59-Jährigen mit sofortiger Wirkung zu beenden. Damit sei die Chance gegeben, den notwendigen Neustart einzuleiten.

Hintergund ...

<b>ÜBERSICHT:</b><br />"Das Beste für die Volksbühne" - Lederer will Dercons Berufung überprüfen  © dpa ÜBERSICHT:
"Das Beste für die Volksbühne" - Lederer will Dercons Berufung überprüfen
<b>BEITRAG:</b><br />Chris Dercon: Volksbühne am Programm messen (2017) © dpa
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Chris Dercon: Volksbühne am Programm messen (2017)
<b>ARTIKEL:</b><br />Weiter Streit um Zukunft der Berliner Volksbühne (2016) © dpa ARTIKEL:
Weiter Streit um Zukunft der Berliner Volksbühne (2016)

 

Lederer kritisierte jedoch auch die in der Vergangenheit geäußerte Kritik an Dercon in Form von persönlichen Angriffen und Schmähungen "aus Teilen der Stadt": "Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur." Dercon stand von Anfang an heftig in der Kritik. Man warf ihm vor, die Volksbühne als Ensemble-Theater zu zerstören. Die Berufung des Belgiers war vor allem bei Anhängern seines Vorgängers Castorf auf Widerstand gestoßen. Vorübergehend war die Volksbühne sogar besetzt worden.

Kulturrat bedauert Aus
Der Deutsche Kulturrat bedauerte derweil den Rücktritt Dercons. Nicht dieser habe versagt, sondern die Politik, so der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, am 13. April in Berlin. Der vom damaligen Kultursenator Tim Renner (SPD) angestrebte Politikwechsel an der Berliner Volksbühne habe nicht funktioniert. Daran sei aber nicht Dercon schuld. Renner habe eine modernere Volksbühne mit Festivalcharakter im Sinn gehabt: "Für diese Idee war Dercon die richtige Person", sagte Zimmermann weiter. Aber offenbar sei die Volksbühne für diesen Wechsel nicht das richtige Theater gewesen. Er hoffe, so der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates weiter, dass Kultursenator Klaus Lederer (Linke) einen geeigneten Nachfolger im Blick habe.

Gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" dementierte die Kulturverwaltung bereits Gerüchte, wonach der Stuttgarter Theaterintendant und frühere Berliner Maxim-Gorki-Chef Armin Petras die Nachfolge von Dercon antreten solle. Dies sei nicht mehr als ein Gerücht, das er dementiere, erklärte ein Sprecher am 13. April. Petras verlässt das Schauspiel Stuttgart zum Ende der Saison. "Am Ende war der Druck zu groß", so der kulturpolitische Sprecher der Berliner Grünen, Daniel Wesener. Der Neustart werde nicht einfach. "Umso mehr wünschen wir uns eine Findungskommission, um die Dercon-Nachfolge zu bestimmen. Gerade der Fall Volksbühne zeigt, dass einsame politische Entscheidungen bei der Intendanten-Besetzung nicht mehr zeitgemäß sind."

Peymann macht Politik verantwortlich
© dpa Theatermacher Claus Peymann: Dercon war überfordert.
Theatermacher Claus Peymann: Dercon war überfordert.
Theatermacher Claus Peymann macht die Politik verantwortlich für das Scheitern von Chris Dercon an der Volksbühne. "Die erwartete Katastrophe ist also eingetreten", so der Ex-Intendant des Berliner Ensembles in einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Erklärung. "Vor zwei Jahren habe ich davor gewarnt, dass die Schauspielkunst und das Ensemble an der Volksbühne gekillt werden und stattdessen eine weitere 'Eventbude' in Berlin etabliert wird." Verantwortlich sei allerdings nicht "der gänzlich überforderte, nette Herr Dercon (Überforderung ist schließlich kein persönliches Vergehen), sondern die Politik, in allererster Linie der damalige Regierende Bürgermeister Berlins und Kultursenator Klaus Wowereit und sein Nachfolger im Amt Michael Müller."

Die Zerstörung der Volksbühne sei "im kulturellen Bereich das gleiche Fiasko wie die nicht endenwollende Tragikomödie mit dem BER. Warum eigentlich knöpft man sich nicht diese beiden Herren vor und lässt sie für die Schulden aufkommen, die in der zahlungsunfähigen Volksbühne jetzt entstanden sind? Über den damaligen Staatssekretär für Kultur Tim Renner möchte ich kein Wort verlieren, denn jedes Wort wäre schon ein Wort zuviel."

Sendedaten
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