© dpa
Beitrag (04.05.2018)Beitrag (04.05.2018) Beitrag (27.04.2018)Beitrag (27.04.2018)
Das Gremium überlegt, 2018 keinen Literaturnobelpreis zu vergeben.
Nobel-Krise
Kein Literaturnobelpreis 2018
Vorwürfe sexueller Belästigung, Verdacht auf Korruption - nun hat die krisengeplagte Schwedische Akademie entschieden, 2018 keinen Literaturnobelpreis zu vergeben. Das gewährleiste die langfristige Reputation des Preises.
Die Entscheidung sei bei der wöchentlichen Sitzung in Stockholm am 3. Mai 2018 getroffen worden. Hintergrund sei die Tatsache, dass die Akademie aktuell nicht in der Verfassung sei, einen Preisträger auszuwählen. In der Erklärung hieß es, die Entscheidung sei angesichts des zahlenmäßig geschrumpften Gremiums und des zurückgegangenen öffentlichen Vertrauens in die Akademie getroffen worden. "Wir halten es für nötig, Zeit aufzuwenden, um das öffentliche Vertrauen in die Akademie wiederzugewinnen, bevor der nächste Preisträger bekanntgegeben werden kann", erklärte Anders Olsson, der neue Ständige Sekretär der Akademie. Die Akademie handele "aus Respekt für vergangene und künftige Literaturpreisträger, die Nobelstiftung und die allgemeine Öffentlichkeit".

Der deutsche Kritiker Denis Scheck sieht die Absage mit gemischten Gefühlen. "Das ist eine schlechte Nachricht für all die würdigen Nobelpreiskandidaten - angefangen bei Philip Roth, Don DeLillo und Thomas Pynchon", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Aber das Gaudi zu sehen, wie sich diese Akademie selbst zerlegt, wiegt die entgangene Auszeichnung fast auf." Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Da muss einfach mal ausgemistet werden, einmal mit dem Besen durch, dann machen wir weiter." Im Gegensatz zum Musikpreis Echo sei der Literaturnobelpreis ein Qualitätspreis, der erhalten werden müsse. Auch Schriftsteller Martin Walser gab sich optimistisch: "Die Akademie wird sich umorganisieren, und dann wird alles weitergehen wie bisher."


Was war passiert?
"De Aderton" - auf Deutsch "die Achtzehn" - steht für die Anzahl der Stühle, auf denen die 18 Gremienmitglieder Platz nehmen, die aus rund 250 Vorschlägen die jährlichen Nominierten für die Preise aussuchen. Nach und nach verließen aber immer mehr Mitglieder das Gremium: Bereits vor längerer Zeit waren zwei Mitglieder der Akademie gegangen. Am 6. April 2018 waren drei weitere - Klas Östergren, Kjell Espmark und Peter Englund - zurückgetreten - weil das langjährige Mitglied Katarina Frostenson nicht, wie von ihnen gefordert, entlassen worden war. Dann ging es Schlag auf Schlag weiter: Erst trat Sara Danius, Ständige Sekretärin der Akademie, zurück. Und dann doch Katarina Frostenson.

Der Vorwurf: Frostensons Ehemann Jean-Claude Arnaud soll Namen von Nobelpreisträgern vorab durchgesteckt haben, insgesamt sieben Mal, wie die Tageszeitung "Dagens Nyheter" berichtet hatte. Darunter die von Bob Dylan und der weißrussischen Journalistin Swetlana Alexijewitsch. Wie er die vorab erfahren haben soll, wurde nicht enthüllt. Zudem war Frostensons Ehemann im Dezember 2017 von der Schwedischen Akademie verboten worden, an einem Nobelpreis-Bankett teilzunehmen, nachdem die Zeitung "Dagens Nyheter" berichtet hatte, dass ihm in insgesamt 18 Fällen zwischen 1996 und 2017 sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen werde. Arnaud bestritt die Vorwürfe.

Wie geht es nun weiter?
Danius hatte erklärt, sie lege ihr Amt auf Wunsch der Akademie mit sofortiger Wirkung nieder. Sie selbst hätte ihre Arbeit gerne fortgeführt, betonte sie. Die Krux an den Rücktritten ist: Die Mitgliedschaft im Gremium wurde bislang auf Lebenszeit vergeben, formell war ein Austritt nicht möglich. Bei zu wenig Mitgliedern ist das Gremium nicht mehr beschlussfähig - weder um neue Mitglieder zu wählen noch einen neuen Nobelpreisträger.

In Anbetracht der heiklen Lage hatte der Schirmherr des Akademie, der schwedische König Carl XVI. Gustav, am 18. April angekündigt, künftig einen Rücktritt von Mitgliedern des Auswahlgremiums für den Literaturnobelpreis zulassen zu wollen. Die Statuten der Schwedischen Akademie sollten entsprechend geändert werden. "Jeder, der nicht mehr Mitglied einer Vereinigung sein möchte, sollte sich zurückziehen können", so der König. Die Vorgänge seien "zutiefst unglücklich" und stellten eine Gefahr für Ansehen und die "wichtigen Aktivitäten" des Komitees dar, hatte er zuvor bereits verkündet und gemahnt: Es sei äußerst wichtig, "dass alle Beteiligten nun ihre Verantwortung für die Institution erkennen und zur Lösung von Konflikten beitragen".

Am 19. April hatte dann noch Schriftstellerin Lotta Lotass laut Tageszeitung "Dagens Nyheter" formell beantragt, das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium zu verlassen. Die Akademie kündigte erste Schritte zu einer Neuausrichtung der Statuten und Arbeitsabläufe an.

Arnault verurteilt / Akademie will sich neu aufstellen
Nach dem Eklat um den abgesagten Literaturnobelpreis ist der Auslöser des Konflikts, der Franzose Jean-Claude Arnault, wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Ein Gericht in Stockholm verhängte am 1. Oktober 2018 zwei Jahre Haft gegen den 72-Jährigen. Arnaud hat Berufung eingelegt. Währenddessen ist die Schwedische Akademie bereit, neue Mitglieder zu wählen. Nach einer Sitzung am Abend des 4. Oktober 2018 sagte der kommissarische Ständige Sekretär Anders Olsson, man habe einen Durchbruch erzielt und könne nun mit der Wahl beginnen.

Am 7. November wurde bekannt, dass die Schwedische Akademie ein weiteres Mitglied verliert: Die Theologin Jayne Svenungsson, die erst vor einem Jahr gewählt wurde, wolle aus dem Gremium austreten. Der Ständige Sekretär der Akademie, Anders Olsson, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur TT: "Es ist ein extrem hartes Jahr für uns alle gewesen." Am 19. November 2018 teilte die Akademie mit, dass sie mit Hilfe von externen Beratern sicherstellen will, dass der Literaturnobelpreis 2019 nicht wieder abgesagt werden muss. Ein Komitee bestehend aus fünf Mitgliedern der Akademie und fünf externen, sachkundigen Beratern solle über die Gewinner der nächsten beiden Literaturnobelpreise 2019 und 2020 entscheiden.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
Kulturzeit-Gespräch mit ...
© ZDFLupeIris Radisch
... zur Absage des Literaturnobelpreises (04.05.2018)
Kulturzeit-Beitrag
Nobel-Krise - Rücktritte und Streit im Gremium:
(12.04.2018)
Dokumentation
"Inside Nobel"
(09.12.2017)
Info
Jahre ohne Preisträger
Seit der ersten Vergabe des Literaturnobelpreises 1901 wurde die Ehrung 114 Autoren zuteil, vier von ihnen mussten sich die Auszeichnung teilen. Spitzenreiter ist Frankreich mit 15 Preisen, je zwölf Mal wurden Autoren aus den USA und Großbritannien ausgezeichnet. 13 Mal ging der Preis an deutschsprachige Schriftsteller.

Sieben Mal fiel die Verleihung bislang aus, vornehmlich während der beiden Weltkriege (1914, 1918, 1935, 1940, sowie von 1941 bis 1943). Eine Verschiebung wurde vor der Entscheidung vom 4. Mai 2018 bereits sieben Mal beschlossen: in den Jahren 1915, 1919, 1925 bis 1927 sowie 1936 und 1949. Allerdings wurde die Ehrung nur in fünf Fällen tatsächlich im darauffolgenden Jahr nachgeholt.

1964 verweigerte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre die Annahme des Preises. Acht Jahre zuvor hatte der russische Schriftsteller Boris Pasternak auf Druck der sowjetischen Führung verzichten müssen.

(Quelle: AFP)