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Matthias Lilienthal verkündete am 20. März, das Theater zum Ende seiner Vertragslaufzeit im Sommer 2020 zu verlassen.
Die Personalie Lilienthal
Kammerspiele-Intendant geht / Offener Brief des Ensembles
Seit 2015 ist Matthias Lilienthal Intendant der Münchner Kammerspiele. Sein Stil ist experimentell, nicht gefällig. Das schmeckt nicht jedem. Die Zuschauerzahlen sinken. Nun will Lilienthal aufhören. Das Ensemble reagiert mit einem offenen Brief.
Von großer Enttäuschung ist darin die Rede. Genau jetzt sei die Zeit für Erneuerung, die Zeit für relevante und zukunftsweisende Inhalte, die Zeit für das kreative Potenzial eines Lilienthal, das bewusst zu verunsichern und zu provozieren weiß: "Wir glauben, dass es der Auftrag des subventionierten Theaters ist, ein Ort der Reflexion und des Aufbruchs, nicht eine Bastion der Affirmation zu sein. Wo, wenn nicht an diesem Ort, ist der spielerische Mut zur Verunsicherung, zur Utopie und zum Experiment angebrachter - wann, wenn nicht in einer Zeit, in der Angst tiefe Gräben durch unsere Gesellschaft zieht?", heißt es im Brief. Dafür möchte das Theater, das bislang durch seine Anstrengungen auch ein überregionales Echo gewinnen konnte, auch zukünftig der richtige Ort sein. Genau diese Zeit oder zusätzliche Zeit will aber ldie CSU-Stadtratsfraktion dem Theater nicht mehr zugestehen.


Nachdem sich die CSU-Stadtratsfraktion gegen eine Vertragsverlängerung der Intendanz entschieden hat, sieht Lilienthal keinen Rückhalt für die Fortführung der Zusammenarbeit und verkündet am 20. März 2018, das Theater zum Ende seiner Vertragslaufzeit im Sommer 2020 zu verlassen. Ohne die Zustimmung der CSU würde es im Stadtrat wohl keine Mehrheit für den Intendanten geben. "Er eckt mit seinem Stil an, weshalb sich viele dort nicht mehr wohlfühlen", verteidigt Richard Quaas, Sprecher der CSU-Stadtfraktion die Entscheidung. Für die Stadt wäre dies aus finanzieller Sicht eine schwierige Situation.

Dem hält der Brief entgegen: Das Experimentelle, das Neue sei kein Fertigprodukt, das sich leicht konsumieren ließe. "Es will gefunden werden." Und genau bei dieser Suche werde man sabotiert, der Geist des Hauses untergraben, das gerade die Begegnung mit seinem Publikum zu finden, forciert. Unterzeichnet wurde der Brief unter anderem von Wiebke Puls, die beim Theatertreffen den 3sat-Preis erhalten wird. Bis Ende 2018 solle nun entschieden werden, wer den 58-Jährigen ablösen wird, hieß es seitens des Kulturreferats.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
3sat-Preis 2018
3sat-Preis für Wiebke Puls beim 55. Theatertreffen
Info
Matthias Lilienthal
Lilienthal ist seit 2015 im Amt und gilt als umstritten. Bereits die ersten zwei Jahre waren für ihn eine unruhige Zeit, auch wegen seines Theaterverständnisses: weniger klassisches Sprechtheater, mehr freie Gruppen. In seiner zweiten Saison platzte eine Premiere, ein Regisseur warf das Handtuch, mehrere Schauspielerinnen kündigten.

Vor seinem Engagement in München warLilienthal unter anderem Intendant des Theaters Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin, das unter seiner Leitung von Kritikern der Zeitschrift "Theater heute" zweimal zum "Theater des Jahres" gekürt wurde.

(Quelle: dpa)