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Uwe Tellkamp (links) und Durs Grünbein diskutierten zum Thema "Meinungsfreiheit in der Demokratie".
Uwe Tellkamp (links) und Durs Grünbein diskutierten zum Thema "Meinungsfreiheit in der Demokratie".
Dichter-Diskussion
Schriftstellerstreit zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein
Uwe Tellkamp, der mit seinem Erfolgsroman "Der Turm" einst ein Bild des bürgerlichen Milieus in der DDR zeichnete, löste jüngst mit seinen Äußerungen über Flüchtlinge bei einer Podiumsdiskussion mit Schriftstellerkollege Durs Grünbein in Dresden Diskussionen aus. Deutlich wird ein Dilemma um politische Positionen, Populismus und freie Rede, die auch im Vorfeld der Leipziger Buchmesse an Brisanz gewinnt.
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp hat mit Äußerungen über Flüchtlinge und angeblich drohende Repressionen gegen Andersdenkende in Deutschland für Kritik und Irritationen gesorgt. Am 8. März 2018 im Dresdner Kulturpalast vor mehreren Hundert Zuschauern sagte er zu den Motiven von Flüchtlingen unter anderem: "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent." Außerdem betrieb er Medienschelte: Wer sich kritisch äußere, werde gleich in die rechte Ecke gestellt, lautete eine These Tellkamps.

Der Suhrkamp-Verlag ging auf Distanz zu Tellkamp:

"Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp", twitterte der Verlag.

Dass Suhrkamp sich von seinen Äußerungen distanzierte, stieß bei Durs Grünbein auf Kritik. Das sei ein "absolut falsches Signal", sagte Grünbein der Wochenzeitung "Die Zeit". Suhrkamp stehe nun als "linksliberaler Spießerverein" da und habe so "das Vorurteil von der Gesinnungsdiktatur" nur bestätigt.

Grünbein: Deutschland tief gespalten
© dpa Durs Grünbein, ebenfalls Dresdner und Suhrkamp-Autor wie Tellkamp.
Durs Grünbein, ebenfalls Dresdner und Suhrkamp-Autor wie Tellkamp.
Durs Grünbein, ebenfalls Dresdner und Suhrkamp-Autor wie Tellkamp, sagt, ihm sei bei dem Streit eine tiefe Spaltung in Deutschland bewusst geworden. "Die einen bedauern dies und sind der täglich sich ausweitenden Spannungen müde", andere aber "begrüßen die Spaltung und versprechen sich vom offenen Streit eine reinigende Wirkung", schreibt Grünbein in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" am 14. März. Dieselben Leute, die in die "Sozialsysteme des Westens" eingewandert seien, also die Ostdeutschen, "beklagen sich heute über den Zuzug aus anderen Erdteilen".

Ihn erinnere das sehr an die Mitläufer der Montagsdemos in der DDR, so Grünbein: "Als es kein Risiko mehr war, auf die Straße zu gehen, waren sie plötzlich alle dabei - und marschierten dem Begrüßungsgeld entgegen." Grünbein sagte in dem Interview: "Was wir von Tellkamp zu hören bekamen, ist uns seit Jahren von den Teilnehmern der Pegida-Demonstrationen bekannt: Islamophobie, Furcht vor dem Anderen, Verschwörungsfantasien, diffuse Sozialängste."

Rechte Verlage auf der Buchmesse
Brisanz erhalten die Aussagen der beiden Schriftsteller auch, weil sie im Vorfeld der Leipziger Buchmesse gefallen sind, die wegen des Auftritts rechter Verlage im Fokus steht. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte dies im Herbst 2017 viel Ärger und Protest ausgelöst. Auch in Leipzig sind Aussteller wie Compact seit Jahren vertreten. Diese Verlage haben nach Ansicht von Messedirektor Oliver Zille das gleiche Recht auszustellen wie andere Kunden auch, so lange ihre Publikationen sich im Rahmen der Gesetze bewegten.

Die Buchmesse trete aufgrund ihres Statuts für die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein. "Der kommunikative Aufschwung der rechten Szene ist ein gesellschaftliches Phänomen. Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann", betont Zille. Die Messe stehe für Offenheit, Vielfalt und Austausch. "Ich wünsche mir, dass das gesamte Programm beachtet wird und nicht nur einige laute Beiträge gehört werden." Wir sprechen in "Kulturzeit" am 14. März mit dem Autor Thomas Wagner über den Umgang mit rechten Verlagen. Er hat für sein Buch "Die Angstmacher" mit Protagonisten der Neuen Rechten gesprochen - darunter Götz Kubitschek, Ellen Kositza und Martin Sellner.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, live um 19.20 Uhr
ARD-Mediathek
© dpaHitzige Diskussionsveranstaltung im Dresdner Kulturpalast
"Sachsenspiegel" vom 09.03.2018
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Video der Diskussion im Dresdner Kulturpalast
(08.03.2018)
Kulturzeit-Gesprächsgast
Thomas Wagner, Autor
(14.03.2018)